Verlagsgeschichte

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Kleine Berliner Verlagsgeschichte

von Detlef Bluhm*

Bis in die achtziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts war Leipzig das Zentrum des deutschen Buchhandels. Dort fand die einzige deutsche Buchmesse statt, war der Börsenverein des Deutschen Buchhandels angesiedelt. Für die Verlage gab es eine einzigartige Infrastruktur verlagsspezifischer Zulieferbetriebe. Gemessen an der Zahl der Verlage, der publizierten Titel und der Umsätze war Leipzig mit weitem Abstand Deutschlands bedeutendste Verlagsstadt.

Zwei umwälzende Ereignisse, die Reichsgründung 1871 und die Proklamation Berlins zur deutschen Hauptstadt, hatten für das Verlagswesen in Deutschland weit reichende Folgen. Die Sogwirkung der neuen Hauptstadt war gewaltig und erstreckte sich auf alle gesellschaftlichen Gebiete.

Berlin zieht an

Berlin als Hauptstadt der Forschung und industriellen Entwicklung trat als Konkurrent zu Leipzig auf, die Kulturmetropole lockte Verlage an, vor allem aber führte das kulturelle Klima in der Hauptstadt nicht nur zur Entwicklung neuer Kunststile und -richtungen, sondern auch zur Gründung zahlreicher Verlage, die diese publizistisch begleiteten.

- und überholt

Schon 1885 hatte Berlin die traditionelle Buchstadt Leipzig überholt: In diesem Jahr erschienen in Berlin 2.743 neue Titel (Bücher), Leipzig konnte nur mit 2.664 Titeln aufwarten. Spätestens in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts stand Berlin einsam an der Spitze der Verlagsstädte in Deutschland.

Blütezeit und Absturz

Doch die Blütezeit Berlins als führende Verlagsstadt währte nur kurz – bis zum Ende der Weimarer Republik. Mit der nationalsozialistischen Machtergreifung begann eine beispiellose Zerstörung der Berliner Verlagslandschaft.

Abwanderung

Nach dem Zweiten Weltkrieg befanden sich die beiden wichtigsten Zentren der deutschen Verlagswirtschaft, Berlin und Leipzig, im Osten der Republik, also im
Einflussbereich der kommunistischen Staaten. Viele Leipziger Verlage (bzw. deren Inhaber oder Rechtsnachfolger) flüchteten in den Westen, viele (West-)Berliner Verlage folgten ihnen aufgrund der politisch instabilen Lage der Stadt.

Die Orte der Zuflucht und somit auch die des Neuanfangs der verlegerischen Tätigkeit im Westen wurden nicht nach standortpolitischen Überlegungen im heutigen Sinn ausgewählt. Man suchte die Städte auf, in die es Verwandte und Freunde verschlagen hatte oder wo wegen der notwendigen Lizenzerteilung entsprechende Beziehungen bestanden oder leicht herzustellen waren. So entwickelte sich die Verlagswirtschaft in der Nachkriegszeit dezentral. Eine Verlagsmetropole wie Leipzig im neunzehnten oder Berlin im zwanzigsten Jahrhundert konnte sich nach 1945 im Westen der Republik nicht herausbilden.

Verlage wandern ab

Berlin verlor in der Nachkriegszeit Verlage von Weltrang. Zu den bekanntesten
Häusern zählten unter vielen anderen die Verlagshäuser von Samuel Fischer und Ernst Rowohlt. Der Mauerbau isolierte die Stadt 1961 schließlich
vollends. In dieser Zeit bildeten die großen Wissenschaftsverlage das wirtschaftliche
Rückgrat der Berliner Verlagslandschaft.

Kleinverlage

In den späten sechziger Jahren und infolge der Studentenbewegung entwickelte sich Berlin zwar zur heimlichen Hauptstadt der Kleinverlage, aber erst der Fall der Mauer eröffnete der Verlagsstadt Berlin völlig neue Perspektiven.

Neuanfang

Die Wiedervereinigung der Stadt veränderte die Stellung Berlins unter den deutschen Städten grundlegend, und trotz einiger Rückschläge ist Berlin auf dem Weg, als Verlagsstadt an seine einstige Größe Anschluss zu finden.

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* Der Autor ist Geschäftsführer des Landesverbandes Berlin des Börsenvereines des Deutschen Buchhandels

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