Unsicherheit

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Unsicherheit überall

von Frank Tetzel

Letzte Woche am Alexanderplatz. Tausende drängen sich zur Eröffnung des Saturnmarktes um Mitternacht und harren bibbernd in der Kälte aus. So schlecht, mag der eine oder andere denken, kann´s der Republik ja noch nicht gehen, wenn Ordnungsdienste und Polizei anrücken, um eventuelle Tumulte und Gedränge bei der Geschäftseröffnung eines Marktes für Unterhaltungselektronik zu verhindern.

Szenenwechsel: Sonnabend, an fast gleicher Stelle, zieht ein Demonstrationszug durch Berlin zum Thema "Wir zahlen nicht für Eure Krise". Rund zwanzigtausend Menschen demonstrieren gegen die Politik der Regierung und für eine gerechtere Weltwirtschaft demonstriert.

Sie demonstrieren gegen die Politik, die Hunderte von Milliarden systembedingt in Banken pumpt, während die Harz IV Abhängigen jeden Cent dreimal umdrehen müssen. Sie demonstrieren gegen die Raffkementalität der Banker, die aus Gier und Gewinnstreben Papiere auf den Markt gebracht, ihre Geldhäuser an den Rand oder in den Ruin getrieben haben und sich jetzt noch dicke Abfindungen genehmigen, die rechtlich einwandfrei - moralisch jedoch -  mehr als bedenklich sind.

Und noch ein Szenewechsel: Bei der Eröffnung der Deutschen Gründertage deGUT 2009 sagte der Parlamentarische Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministrium Hartmut Schauerte, "wir bauen gerade eine Brücke über die Krise, wir wissen im Moment nur nicht, wo die Wiederlager sind. Man könnte auch "Blindflug" dazu sagen.

In den siebziger Jahren war eine Band namens "Erste Allgemeine Verunsicherung" ein Chartbreaker. Der Name der Band könnte auch heute Programm sein. 

Diese Verunsicherung schafft sich Wege in Richtung Schnäppchenjagd, siehe der Ansturm auf "Saturn" verbunden mit dem Rückzug ins Private und in die private Gemeinschaft. Communities heisst das heute zu neudeutsch und im Internet gibt es Unzählige von ihnen.

Zum anderen setzt die Verunsicherung Wut frei.  Denn Wut, vor allem die unterschwellige, wächst bei Vielen. Die Demonstration am letzten Märzwochenende wird nicht die Letzte gewesen sein. "Das ist erst der Anfang!" stand als Drohung auf einigen Plakaten zu lesen. Anders als die Harz IV Debatte ist die allegemeine Verunsicherung und Wut auch bei den Leistungsträgern dieser Gesellschaft, die schuften und schuften und denen am Ende trotzdem nichts bleibt, angekommen. Sie betrifft die kleinen Selbständigen und Freiberufler, deren Rechnungen nicht mehr bezahlt werden, von Unternehmen, die selbst auch unter der Krise leiden - oder es vorgeben zu tun und die - vor allem in Berlin - häufig auch die Schwäche dieser Kleinen ausnutzen.

Die Wut derer steigt, die ihren Sparcent in Riesterrenten oder Lebensversicherungen gesteckt haben, deren Renditeerwartungen inzwischen mehr als schlecht sind. Zumal dann, wenn der Generationenvertrag, zwischen den Alten und den Jungen nicht mehr greift. Wie soll man einem von Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit Betroffenen verdeutlichen, dass der Superanstieg der Renten in diesem Jahr allein auf Versicherungsmathematik zurückzuführen ist, und nichts, aber auch gar nichts mit den anstehenden Wahlen in Bund und Ländern zu tun hat?

Zumal die jetzige Generation der Rentner und Penionäre die letzte sein wird, die in diesem relativen Wohlstand leben werden können. "Aufbaugeneration" hat man die Männer und Frauen genannt. Aufbau - zum Teil ohne Rücksicht auf Verluste, denn die Altlasten  des unbegrenzten Wachstums, dass sich diese Generation genehmigt hat, löffelt die nachfolgende, also die jetzt dreißig- bis fünfzigjährigen Männer und Frauen aus. Und deren Kinder. 

Fragt man die überwiegende Zahl der Pensionisten- und Rentnergeneration heute, verstehen sie das Problem, das sie selbst angerichtet haben, nicht einmal.

Bei den Übrig-Gebliebenen, übrigens bald die Minderheit, macht sich Unsicherheit breit, den die einen mit Konsum, die anderen mit Protest überdecken wollen. Lösungen, geschweige denn Führung in der Krise und in der vertrackten Situation werden derzeit nicht geboten.

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