Mirjam Struppek

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Mirjam Struppek, über Urban Screens in Berlin

© Projekt Zukunft

 

Mit den technologischen Möglichkeiten der neuen Medien findet eine Veränderung des öffentlichen Raums statt. Städtische Projektionsflächen, Häuserfassaden und LED-Bildschirme werden bereits als Werbeflächen genutzt und zu öffentlichen Screenings im Entertainment-Bereich herangezogen.

Welche Anwendungsmöglichkeiten gibt es für diese „Urban Screens“ noch? Mit diesem Themenbereich befasst sich Mirjam Struppek, Präsidentin der internationalen Urban Screens Association, deren Konferenz bereits in Amsterdam und Manchester stattfand und in diesem Jahr zu Gast in Melbourne sein wird.

Das Medien Fassaden Festival, das speziell für Berlin mit Public Art Lab initiiert und entwickelt wurde, findet vom 17. Oktober bis 21. November statt.

Es reflektiert den weltweiten Trend zu großformatigen digitalen Bildelementen im öffentlichen Raum und integriert die architektonische Struktur der Stadt. Zu diesem Anlass finden eine internationale Konferenz, eine Ausstellung und Screenings von Kunstprojekten auf Medienfassaden im Berliner Stadtraum statt. berlin-magazin.info präsentiert das Interview des "Projektes Zukunft". Thu-Van Ly von der Agentur index sprach mit Mirjam Struppek, Initiatorin und Präsidentin der Urban Screens Initiative, über die Hintergründe der Aktion, die neuen Anwendungsmöglichkeiten der Urban Screens und die Highlights des Medien Fassaden Festivals 2008.

Was ist der Hintergrund der Urban Screens Initiative?

Als Raum- und Umweltplaner beschäftige ich mich seit 2001 mit aktuellen kulturellen Veränderungen des städtischen Raums durch neue Medien. Meine Fragen sind hier, wie man Lebendigkeit im öffentlichen Raum erzeugen kann, wer die unterschiedlichen Player sind und wer im öffentlichen Raum betroffen ist.

Im Jahr 2004 habe ich eine Umfrage an dem großen LED-Screen an der Joachimstaler Straße in Berlin durchgeführt, um den Effekt von künstlerischen Videos, die zwischen der Werbung geschalten waren, zu erforschen.

Passanten auf der Straße hatten die Erwartungshaltung, dass dort nur Werbung läuft. Es gab wenig Bereitschaft, sich lange mit den Videos zu beschäftigen. Für Werbetreibende, die nach immer neuen Möglichkeiten der Interaktion mit den Zielgruppen suchen, bedeutet dies, dass auch hier ein Kampf um die höchste Aufmerksamkeit besteht.

Das erste Konzept zu dieser Thematik habe ich für die Urban Screens Konferenz 2005 in Amsterdam entwickelt. Im Rahmen eines Stadtentwicklungsprojektes sollte begleitend ein großer Bildschirm aufgebaut werden. Dieser war von Anfang an als Screen mit 80 Prozent künstlerischem Inhalt konzipiert, der mit Ideen aufgefüllt werden sollte.

Wichtig bei der Namensfindung für die Konferenz war mir, die Verbindung von urbanen Elementen und dem Screen herzustellen, welcher ein Symbol für das digitale Bewegtbild im öffentlichen Raum ist. So hat sich langsam mein gesamter Fokus vor allem auf diese Entwicklung von digitalen Bewegtbildern im Stadtraum entwickelt.

Welche Anwendungsmöglichkeiten der Urban Screens gibt es?

Der öffentliche Stadtraum war schon immer eine Mischung aus Kommerz, Stadtinformation, Entertainment, Kultur und Kunst, aber auch Sozialem. Aus diesen Bereichen werden die zukünftigen Inhalte der urbanen Screens entnommen. Im Moment sind wir jedoch noch im Stadium der Entdeckung dieser Inhalte.

Betrachtet man Urban Screens als neues Ausstellungsformat, dann bieten sich neue Möglichkeiten für die Video- und interaktive Kunst, beispielsweise die Bürger vor Ort mit einzubinden und so neue Identitäten zu stiften. Ein weiterer Anwendungsbereich wäre die Stadtinformation für den Bürger, auch weltweit aufklärende, politische oder soziale Kampagnen könnten hierüber laufen. Beispielsweise sind Experimente, die die Vernetzung von zwei oder mehreren Städten über Videokonferenz im öffentlichen Raum ermöglichen eine Art, auf die Bedürfnisse einer zusammenwachsenden globalen Welt zu reagieren.

Das Neue ist, dass sich die Screens nun langsam auch für nichtkommerzielle Projekte öffnen. Das liegt an der etwas günstiger gewordenen Infrastruktur und daran, dass die Betreiber der Screens manchmal nicht genug Inhalte finden oder nach neuen Ideen suchen. Teilweise ist selbst für Werbefirmen dieses Medium noch zu komplex.

Daher besteht das Interesse, mit dem Medium und alternativen Inhalten zu experimentieren. Wie bei der Thematik der Creative Industries, bei der Kommerz und Kultur sich langsam annähern und Kooperationsmodelle gefunden werden müssen.

Hier etablieren sich zum Beispiel Fassaden, die nur über den Namen des Gebäudes die jeweilige Firma präsentieren, aber mit kreativen künstlerischen Inhalten Aufmerksamkeit erregen, wie der Unica Tower in Wien der gleichnamigen Firma. Das ist jedoch eine schwierige Gratwanderung, die wir auch in der Diskussion mit den Künstlern spüren: Inwieweit instrumentalisiert man sich als Künstler oder inwieweit ist eine zufriedenstellende Kooperation möglich?

Beim Medien Fassaden Festival ist diese Brücke schrittweise in der offenen Auseinandersetzung zwischen allen Beteiligten gelungen.

Wen sprechen Sie mit der Initiative an? Mit welchen Partnern arbeiten Sie zusammen?

Urban Screens ist ein sehr interdisziplinäres Feld, bei der es um das Zusammenbringen von Akteuren aus Kultur, Politik oder Kommerz geht. Wir müssen zunächst vor allem Partner gewinnen, die uns die Infrastruktur für die Projekte liefern können. Dann natürlich Partner, die uns inhaltlich bereichern oder die uns bei der Realisierung neuer Anwendungsmöglichkeiten mit Know-how unterstützen.

Auch Kontakte zur Stadtverwaltung sind wichtig, denn wir berühren Themen im öffentlichen Raum. Teilweise müssen hier Genehmigungen für die Realisierung der Projekte eingeholt werden.

In Berlin arbeite ich vor allem mit Susa Pop vom Public Art Lab zusammen. Sie hat sich viel mit der Mobilität und mit der Identitätsstiftung durch die Einbeziehung des Bürgers durch mediale Interaktion beschäftigt und hat Erfahrung mit europaweiten Projekten.

Für das Medienfassadenfestival haben wir zusätzlich Unterstützung von den Kollegen der Media Architecture Group Wien und es wird durch den Hauptstadtkulturfonds gefördert. Zudem unterstützt uns die Landesinitiative Projekt Zukunft, wenn es um den Bereich Politik und Kommerz, aber auch Kultur geht. Im kulturellen Bereich kooperieren wir mit vielen Partnern, wie dem Art Forum Berlin und der Transmediale.

All diese Bereiche holen wir für die Urban Screens Initiative an einen Tisch und loten aus, welche Interessen die jeweiligen Parteien haben. Diese interdisziplinäre Arbeit ist immer eine Herausforderung. Generell sind die Welt des Kommerzes und die Welt der Kultur und Kunst so unterschiedlich, sodass erst mal eine gemeinsame Sprache gefunden werden muss. Das war bei dem Künstlerworkshop sehr spannend, wo die Betreiber der Screens und die Künstler auf der Paneldiskussion diskutiert haben. Hier trete ich immer mehr als Vermittler oder in der Rolle eines Mediators auf.

Warum sind Urban Screens ein Thema für Berlin?

Meine Recherche über interaktive Medien im öffentlichen Raum fing mit dem Berliner Projekt „Blinkenlights“ an und wurde davon stark inspiriert. In Berlin gibt es eine interessante Geschichte von vor allem architekturbezogenen urbanen Screen-Projekten.

Die VEAG Fassade, eröffnet 1999 in der Chausseestraße, war ein frühes Projekt, das mit der Technologie der „Switch Glass“ gearbeitet hat. Durch das Anlegen von Spannung wurden die Fenster nachts zu einer transluzenten Fläche, so dass sie als Screen-Oberflächen mit künstlerischen Projektionen bespielt werden konnten.

Ein weiteres früh initiiertes Projekt ist die SAP Fassade, die auch während unseres Festivals bespielt wird. In Berlin gibt es schon seit relativ langer Zeit spannende Projekte, welche die Fassaden als Urban Screens genutzt haben, wie auch die SPOTS Installation am Potsdamer Platz, ganz zu schweigen von den vielen Guerilla-Aktionen, die die Hausfassaden als Projektionsflächen nutzen. Für mich macht es sehr viel Sinn, die Urban Screens Initiative in Berlin weiterzuverfolgen.

Als Teil der Initiative findet vom 17. Oktober bis 21. November das Medien Fassaden Festival statt. Was erwartet den Besucher in Berlin?

Eine hochkarätige Jury hat 24 Künstler für das Medien Fassaden Festival ausgewählt, welche die Inhalte für die beteiligten Fassaden produzieren. Dabei konzentrierten wir uns bewusst auf in Berlin lebende Künstler, weil es bei dem Projekt um eine gemeinsame prozesshafte Entwicklung der Arbeiten geht und uns die Ortsspezifik sehr wichtig ist. Die Künstler müssen ein sehr gutes Verständnis für den Ort haben und sie müssen ihre Testscreenings machen können.

Gerade weil in Berlin unglaublich viele kreative, auch internationale, Künstler leben, wollten wir dieses Potenzial auch nutzen. Einen Vorgeschmack auf die Projekte und deren Entwicklungsprozess erhält man bereits am Abend der „Langen Nacht der Museen“ am 30. August.

Die Ausstellung im Deutschen Architektur Zentrum wird weltweit herausragende Medienfassadenprojekte und Hintergrundinformationen zum Thema Mythen und Potenziale von Medienarchitektur zeigen. Die hier stattfindende internationale Konferenz wird dann das Thema Urban Screenings in theoretischer und praktischer Hinsicht diskutieren.

Bei den Urban Screenings vom 17. Oktober bis 3. November bespielen Kunstprojekte die Berliner Fassaden ab Dunkelheit. Beim Zentrum unseres Festivals, dem Collegium Hungaricum, ermöglicht ein Wall-Terminal den Passanten, Kunst auf die Hungaricum Fassade zu projizieren.

Die Berliner SAP Dependance erwartet ein Motion Tracking Medienprojekt. Der Gasometer beherbergt Europas größten Night Screen mit Kunstprojekten, die mit den Anwohnern der lokalen Szene entstanden sind, und die eher Text basierten Projekte auf der O2 Arena werden sogar schon vom Flugzeug aus sichtbar sein.

Das Medien Fassaden Festival bietet viele spannende interaktive Kunstprojekte, die Besucher zur Teilnahme einladen. Es verdeutlicht zudem, welche unterschiedlichen Fassadenformate es gibt und welchen Einfluss diese und die Umgebung, in der sie stehen, auf die projizierten Inhalte haben, gerade wenn es um partizipative Projekte geht.

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