Umbruchzeit

Anzeige

Vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende der Weimarer Republik

Prosperierend, aber undemokratisch, so stellte sich die Situation Berlins am Vorabend des Ersten Weltkrieges dar.

Als das Deutsche Reich im Sommer 1914, nach der Ermordung des österreichischen Thronfolgers in Sarajewo, durch einen so genannten „Blankoscheck“, der Österreich der deutschen Nibelungentreue und völliger Rückendeckung versicherte, in den Krieg eintrat, da jubelte die ganze Stadt.

Unzählige junge, fröhliche Kriegsfreiwillige meldeten sich zur Front, ja selbst die SPD stimmte im August 1914 den Kriegskrediten zu und schloss einen „Burgfrieden“ mit der Regierung des Kanzlers Bethmann Hollweg. „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche“, sagte der Kaiser.

Eingriff des Staates in alle Lebensbereiche
Im Laufe des Krieges verschlechterte sich die Lebensmittelversorgung der Berliner erheblich. Lebensmittel wurden verstärkt rationiert, man litt Hunger.

Der Staat griff in viele Bereiche der Wirtschaft ein, bis schließlich alle Konsumbereiche, vom Petroleum bis zur Seife, von der Beleuchtung bis zur Heizung, erfasst waren.

Spätestens seit 1916 war die SPD nicht mehr bereit, der Reichsregierung zu folgen. Schon lange gab es einen Flügel in der SPD, der die Anbiederungs- und Kriegspolitik der SPD nicht mittragen wollte.

Unter dem Namen „Unabhängige Sozialdemokraten“ spaltete er sich ab. Den Kern bildete der revolutionäre Spartakusbund.

Auch im übrigen Reich rumorte es. Die Not rief Streiks hervor, der Kriegseintritt der USA ließ jede Hoffnung auf einen möglichen Sieg dahinfahren, nur die Heeresleitung war von einem Kriegsgewinn und einem Siegfrieden überzeugt.

Erst als der „Zug abgefahren“ war, ließ auch die oberste Heeresleitung eine weitgehende Demokratisierung zu, um damit später die Legende des „Dolchstoßes“ aufzubauen: Die Sozialdemokraten seien es gewesen, hieß es da, die einen Sieg deutscher Armeen unmöglich gemacht hätten, da sie der Regierung und der Armee in den Rücken gefallen seien.

Ihre Bemühungen um Demokratisierung und die Streiks hätten einen Sieg unmöglich gemacht. Viele Menschen sollten und wollten daran glauben...

Die November-Revolution
Am 9. November 1918 zogen Arbeiter in die Berliner Innenstadt, Auftakt dessen, was Historiker später die „Novemberrevolution“ nennen.

Auslöser war die von Kiel sich ausbreitende Revolution, deren Urheber Matrosen der Marine waren. Sie waren nicht mehr bereit, sich für eine letzte glorreiche Seeschlacht von den Offizieren der kaiserlichen Flotte auf die feuchte, nasse Schlachtbank führen zu lassen.

Schnell gründeten sich Arbeiter- und Soldatenräte, fast kampflos ging der Einzug der Arbeiter vor sich.

Der Sturz der Hohenzollernmonarchie war nur noch eine Pro-Forma-Angelegenheit.

Nach 500-jähriger Hohenzollernherrschaft verabschiedete sich der letzte Kaiser der Dynastie und ging ins holländische Exil.

Innerhalb weniger Stunden rief Philipp Scheidemann von der SPD vor dem Reichstag die „Deutsche Republik“ und der spätere Gründer der KPD, Karl Liebknecht, vom Balkon des Berliner Schlosses die „Freie sozialistische Republik“ aus. Ein Machtkampf war vorprogrammiert.

Friedrich Ebert, zunächst Reichskanzler der ersten deutschen Republik, ließ auf die aufständischen Anhänger des Spartakusbundes schießen. Gustav Noske, sozialdemokratischer Reichswehrminister, der später der „Bluthund der Revolution“ genannt werden wird, erledigte das mit seinen Truppen.

Im Dezember 1918 und in den darauf folgenden Monaten starben Tausende von Menschen. Der „Spartakusaufstand“ wurde blutig niedergeschlagen, die SPD hatte ihre Unschuld verloren, und die junge Revolution hatte von vornherein keinen glücklichen Start.

Weltstadt voller Unruhe
Von rechts und links gab es im Laufe der nächsten Jahre wieder und wieder Störversuche gegen die Republik. Zwar brach der Putsch des ostpreußischen Landschaftsdirektors Kapp, den er mit Hilfe des Freikorps des Generals von Lüttwitz und der Brigade Erhard durchgeführt hatte, durch einen Generalstreik und die Passivität der Beamten zusammen, doch die Regierung und die Republik waren nicht gesichert.

Die Beamtenschaft, auch in der Reichshauptstadt, stand rechts, die Richter waren auf dem „rechten Auge blind“, mit der Republik identifizierten sich nur wenige Beamte.

Die rasante Geldentwertung Anfang der zwanziger Jahre (ein Brot kostete Mitte November 192.380 Milliarden Mark), politische Morde wie etwa derjenige an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die 1919 umgebracht und in den Landwehrkanal geworfen wurden, wie 1922 der Mord an Außenminister Walther Rathenau, der auf der Fahrt von seiner Wohnung ins Auswärtige Amt von einer rechten Geheimorganisation erschossen wurde.

Demonstrationen, Streiks, Krawalle, Ausschreitungen und eine hohe Arbeitslosigkeit gehörten zur Tagesordnung im Berlin der Weimarer Republik.

Groß-Berlin Gesetz
In all diese Wirren fiel 1920 das „Gesetz über die Bildung einer neuen Stadtgemeinde Berlin“, Berlin und sieben andere Städte (Charlottenburg, Köpenick, Lichtenberg, Neukölln, Spandau und Wilmersdorf) sowie 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirke wurden zu einer Großstadtgemeinde mit gemeinsamem Magistrat und zwanzig Verwaltungsbezirken zusammengefasst.

Die Stadt wuchs mit einem Schlag von 1,9 Millionen auf 3,8 Millionen Einwohner und wurde damit zu einer der größten Metropolen Europas.

Die Goldenen Zwanziger
Ein „Silberstreif am Horizont“ zeigte sich 1923 nach der Einführung der Rentenmark, die die Inflation abrupt beendete. Die Wirtschaft schien Fuß zu fassen, progressive und funktionale Bauten entstanden überall in der Stadt, das Ende der Mietskasernen schien angebrochen, überall wurden moderne Siedlungen gebaut, der Autoverkehr nahm zu, die Presse florierte, sodass 1930 149 verschiedene Tageszeitungen in der Stadt erschienen. Parallel verlief die Entwicklung des Rundfunks, der im Berliner VOX-Haus seine Premiere feierte, Funkturm und Funkausstellung folgten kurze Zeit später, erste Fernsehexperimente wurden unternommen.

Das Kino war auf dem Vormarsch, nicht mehr das stumme, sondern mit Ton, mit Farbfilmen wurde schon damals experimentiert.

In der Kunst gab es unzählige Richtungen und Strömungen. Die „Goldenen Zwanziger Jahre“ waren ein Schmelztiegel verschiedenster Stile, alles war erlaubt.

Die Künstler, heimatlos geworden durch den Ersten Weltkrieg, der in nur vier Jahren eine jahrhundertealte Ordnung weggewischt hatte, brachen zu neuen Ufern auf, suchten neue Wege, um sich auszudrücken.

Schauspieler und Schauspielerinnen wie Heinrich George, Käthe Dorsch, Gustaf Gründgens, Elisabeth Bergner, Regisseure wie Max Reinhardt, der Dirigent Wilhelm Furtwängler, der Komponist Hindemith machten Berlin zur kulturellen Hochburg. Daneben schrieben Heinrich Mann, der Präsident der Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste war, Alfred Döblin, der neben seiner Tätigkeit als Arzt die Geschehnisse der zwanziger Jahre und seine Erfahrungen in dem Roman „Berlin Alexanderplatz“ verarbeitete, Bertolt Brecht, Ludwig Renn, Erich Kästner, Joachim Ringelnatz, Erich Weinert, Kurt Tucholsky, Carl von Ossietzky, Gottfried Benn, Nelly Sachs, Jochen Klepper, Arnold Zweig und der Revolutionär Erich Mühsam - sie alle lebten in der Stadt oder kamen nach Berlin, das sie magnetisch anzog.

Als Maler und Malerinnen sind Max Liebermann und Käthe Kollwitz, Ernst Barlach, George Grosz, Lovis Corinth und Max Beckmann in der Stadt tätig. Berlin war die Stätte künstlerischen Wirkens.

Berlin war auch Stätte der Dekadenz, jeder konnte nach seinem Willen glücklich werden, als Kokainschnupfer ebenso wie als Dichter, Literat, Kritiker, Kabarettist. Nur: Man musste schon auf der goldenen Seite leben.

Die soziale Verelendung
Denn was in der Kunst so rosig aussah, war es in der Wirtschaft und im sozialen Bereich nicht. Nach einem kurzzeitigen Absinken der Arbeitslosenzahlen, hatte Berlin 1929 um die 200.000 Arbeitslose.

Sie standen vor den Stempelstellen der Arbeitsverwaltungen und vor den Suppenküchen der Wohlfahrt nach einer warmen Portion Suppe an, da das Geld für eine heiße Suppe nicht reichte.

Immer noch gab es über 70.000 Kellerwohnungen und zahlreiche Behelfsbaracken, da die Wohnungsnot, trotz 135.000 errichteter Wohnungen und Neubauten in Britz, Reinickendorf und Zehlendorf, nicht behoben war.

Soziale Unruhen brachen aus. Es gab Aufstände, die 23 Tote und 73 Verletzte forderten.

Schließlich brach die Weltwirtschaftskrise auch in Berlin herein und bereitete dem zaghaft einsetzenden Aufschwung ein jähes Ende. Die radikalen Parteien, die Patentrezepte für einen Ausweg aus der Misere anboten, erhielten starken Zulauf. Ende 1932 zählte man in Groß-Berlin 636.000 Arbeitslose.

Elend und Armut waren an der Tagesordnung. Die Wahlkämpfe wurden blutiger, Saalschlachten zwischen Nazis und Kommunisten, politisch motivierte Morde und Streiks prägten das politische Bild der Stadt.

Einen großen politischen Erfolg konnten die Nationalsozialisten selbst bei der Wahl zur Stadtverordnetenversammlung im November 1932 nicht erreichen. Nur 26 Prozent der Stimmen errangen sie, obwohl die braune Hitlerpartei im Restreich mit den Ergebnissen viel höher lag. Im gleichen Monat erlebte Berlin ein eigenartiges und schauriges Schauspiel. Anstatt sich mit den Sozialdemokraten zu verbünden, die die Kommunisten als Sozialfaschisten verunglimpften, streikte die KPD erstmals zusammen mit der NSDAP.

Walter Ulbricht auf Seiten der KPD und Goebbels auf Naziseite organisierten gemeinsam einen Streik der Beschäftigten der Berliner Verkehrs Betriebe.

Zwei Monate später, nachdem der Reichstag schon längere Zeit nicht mehr demokratisch abstimmte, sondern nur mit Notverordnungen der Reichskanzler Brüning, von Schleicher und von Papen, „ergriff“ Adolf Hitler am 30. Januar 1933 die Macht. Besser: Hindenburg ernannte ihn zum Reichskanzler.

 

Anzeige
Anzeige