Arisierung

Anzeige

Die "Arisierung" Berliner Betriebe

Die Nationalsozialisten gingen nach der sogenannten „Machtergreifung“ am 30. Januar 1933 sofort daran, ihre ankündigte Politik umzusetzen. Das betraf vor allem die Gegner der Nationalsozialisten wie Anhänger der KPD und der SPD, aber auch in ganz besonderer Weise die jüdischen Mitbürger.

Schon Anfang 1933 wurden in Presse, Groß- und Einzelhandel massenweise jüdische Manager und Angestellte entlassen. Man berief sich auf das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums “, was die private Wirtschaft zwar nicht betraf, wo sich jedoch in vorauseilendem Gehorsam Unternehmen ihrer jüdischen Angestellten entledigten.

Die Rolle Berlins beim Herausdrängen jüdischer Vorstände, Unternehmer und Angestellten ist deshalb besonders wichtig, weil rund ein Drittel aller deutschen Aktiengesellschaften ihren Sitz in der Reichshauptstadt hatte.

Phasen
Man kann die Arisierungen bzw. das Herausdrängen jüdischer Firmeneigentümer und leitender Angestellter in drei Phasen unterteilen. Die erste Phase reicht von 1933 bis 1935, die mit dem Erlass der „Jüdischen Rassegesetze“endete.
Die zweite Phase reichte bis zur Progromnacht im November 1938. Danach begann die  totale Elemenierung des jüdischen Wirtschaftslebens, die mit der „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“ ihren Anfang nahm und mit der Vernichtung der Juden in den Konzentrationslagern endete. Allerdings nicht bevor nicht sämtliche Vermögenswerte an das Reich gefallen waren.

Freiwilliges Verlassen des Common sense
Was verwundert, nein geradezu entsetzt, ist die Tatsache, dass die wirtschaftliche Elite Berlins, den Common sense einer Jahrhundertelangen gewissen Solidarität zwischen jüdischen Kollegen, Unternehmern oder Vorständen, sofort nach der Machtergreifung ohne Not aufkündigte. Im vorauseilenden Gehorsam die IHK und der Verein der Berliner Kaufleute die Juden aus ihren Reihen drängte.

Heinrich Hunke, seines Zeichens Gauwirtschaftsberater, arbeitete darauf hin, beispielsweise 1935 das letzte jüdische Vorstandsmitglied des Maschinenbaukonzerns Orenstein & Koppel aus dem Amt zu jagen und trieb seit 1938 als Präsident des „Vereins Berliner Kaufleute und Industrieller“ (VBKI) die „rassische Flurbereinigung“ in der Wirtschaft auf den Höhepunkt, wie es  Christoph Biggesleben in einer Arbeit über die Berliner Kaufmannschaft ausdrückt.

Gier
Vor allem zeigte sich Gier, ganz einfache Gier auch bei Menschen, die keine strammen Nazis waren, sich des jüdischen Eigentums zu bemächtigen. Dabei wurde den jüdischen Unternehmern ihre Besitztümer abgepresst, nicht ohne "legale" Kaufverträge und Vereinbarungen. Die jüdischen Unternehmer mussten anschließend auch noch eine Reichsfluchtsteuer an das Finanzamt abführen, um ihr nacktes Leben retten zu können.

Natürlich gab es Ausnahmen. Aber sie sind selten. Jüdische Vorstandsmitglieder wurden da etwas länger toleriert, wo es für das Reich nützlich war. Vor allem bei Auslandskontakten der Banken, die auf die internationale Reputation und Kreditwürdigkeit angewiesen waren. Die Dresdner Bank beispielsweise sandte ihr Vorstandsmitglied Samuel Ritscher 1936 auf einen sicheren Auslandsposten.

Adolf Sommerfeld
Die Verdrängung der jüdischen Unternehmer verlief je nach Branche sehr unterschiedlich. So musste der Unternehmer Adolf Sommerfeld, der durch seine revolutionäre Bauweisen von Ein-Familienhaus-Siedlungen und seiner radikalen Formensprache ( ein Teil der Onkel Tom Siedlung entspringt seiner Projektentwicklung) schon am 1. April 1933 fliehen, weil ein Trupp bewaffneter SA-Männer in das Wohnhaus des Bauunternehmers eindrangen, um seiner habhaft zu werden. Sein Unternehmen wurde daraufhin kommissarisch verwaltet und das Vermögen eingezogen.

Loewe
Bei der Radio AG Loewe wurde gleich nach der Machtübernahme der Nazis der Vorstand schon im März 1933 um "arische" Mitglieder erweitert. Schon im gleichen Jahr kam es zur Niederlegung der Ämter von David L. Loewe, der aus von England heraus versuchte seinen Anteil zu verkaufen. Eine – wenn auch treuhänderische - Übernahme durch den Konkurrenten Bosch konnte zwar verhindert werden, dennoch kam es 1938 zum Rauswurf der Gebrüder Loewe aus der Geschäftsleitung. Remigration, Restitution und Reintegration

Restitution
Wir schwierig in Deutschland mit der Arisierung umgegangen wurde, zeigen die Diskussionen über die Wertheim Grundstücke in Berlin und die Rechtsprechung deutscher Gerichte nach 1945. In Berlin kam der Vier-Mächte-Status sicherlich erschwerend dazu. Über Jahrzehnte hinweg hatten die betroffenen Unternehmen, und die neue Führungen kein offenes Ohr für etwaige Restitutionsansprüche und auch die Gerichte taten sich schwer mit dem Thema. Kaum einem Rückkehrer gelang es nach 1945 an die alten Erfolge anzuknüpfen.

Anzeige

Buchempfehlung:<br>"Arisierung" in Berlin

"Arisierung" in Berlin

Im Berliner Metropolverlag ist ein Buch über die Arisierung und das Herausdrängen jüdischer Mitbürger erschienen. Obwohl Berlin in der NS-Zeit das deutsche Wirtschafts- und Finanzzentrum war und die ehemalige Reichshauptstadt vor 1933 die größte jüdische Gemeinde beherbergte, fehlte es bisher an einer Gesamtdarstellung zur „Arisierung“.

Diese Lücke schliesst dieses Buch, das auf der Grundlage jüngster Forschungen Fallstudien über die Verdrängung jüdischer Manager und Unternehmer aus Schlüsselpositionen der Wirtschaft und zur „Arisierung“ von Unternehmen in den Jahren zwischen 1933 und 1938 publiziert.

Darüber hinaus wird die Frage der Restitution von jüdischem Eigentum nach 1945 in Berlin behandelt.

Lesenswerte Beiträge von Celina Kress über "Die frühe Arisierung in der Bauindustrie: Adolf Sommerfeld und seine Firmengruppe", von Ingo Köhler über die "Verdrängung der jüdischen Privatbankiers", Kilian J.L.Steiner über die "Arisierung der Radioaktiengesellschaft D.S.Loewe in Berlin-Steglitz" oder Erik Lindners Aufsatz über "Garbáty, eine Zigarettenfabrik in Pankow" ... und die vielschichtigen Beziehungen zum Hamburger Cigarettenhaus Reemtsma machen das Buch nicht nur für einen kleinen Historikerkreis interessant, sondern sollten, zumindest in den Gymnasien zur Pflichtlektüre im Geschichtsunterricht werden.

Anzeige