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07.05.20

„Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert“ in Berlin

Ausstellung im Deutschen Historischen Museum

In einer Wechselausstellung widmet sich das Deutsche Historische Museum in Berlin dem Werk und Leben der Hannah Arendt (Foto: Hannah Arendt, fotografiert von Fred Stein,1944, New York © Fred Stein Archive, Stanfordville, New York)

 

Hannah Arendt gehört zu den großen politischen Denkerinnen des 20. Jahrhunderts, deren dezidierte Urteile noch heute so kontrovers sind wie ihre Fragen aktuell. Eigensinnig, strittig und anregend äußerte sie sich über Totalitarismus, Antisemitismus, die Lage von Flüchtlingen, den Eichmann-Prozess, Zionismus, das politische System und die „Rassentrennung“ in den USA, die Studentenproteste der 1960er Jahre und Feminismus. In einer Wechselausstellung widmet sich das Deutsche Historische Museum dem Werk und Leben Hannah Arendts, das die Geschichte des 20. Jahrhunderts mitsamt ihren Anforderungen an die Gegenwart spiegelt.

Ausbildung der Urteilskraft
Die Ausstellung fokussiert Hannah Arendts Wirken als politische Theoretikerin. Anhand zentraler zeitgeschichtlicher Schwerpunkte wird veranschaulicht, wie die Urteile der aus dem nationalsozialistischen Deutschland geflüchteten jüdischen Denkerin vor den Herausforderungen ihrer Zeit entstanden und welche Reaktionen sie hervorriefen. Hannah Arendts Auseinandersetzungen fordern auch das eigene Urteilsvermögen heraus, das für die Reflexion der Gegenwart im Licht der Vergangenheit unabdingbar ist.

Urteile und Kontroversen
Die Ausstellung folgt Hannah Arendts Blick auf das 20. Jahrhundert entlang 16 zeithistorischer Themenpunkte. Zentrale Elemente sind Filmaufnahmen, etwa das berühmte Fernsehinterview mit Günter Gaus von 1964, sowie zahlreiche aktuelle Filminterviews u. a. mit der 2019 verstorbenen Philosophin Ágnes Heller, dem Politiker Daniel Cohn-Bendit oder der Kulturwissenschaftlerin Stefanie Lohaus. Darüber hinaus werden Arendts Kontroversen beleuchtet. Eine Hörcollage führt durch ihre Urteile und die daraus entstandenen Auseinandersetzungen.

In der Präsentation wird deutlich, wie Hannah Arendts Stellungnahmen heutige Diskurse prägen. Die Aktualität ihres Denkens kennzeichnen etwa ihre Überlegungen zum prekären Status von Flüchtlingen, die auf ihre eigenen Fluchterfahrungen zurückgehen. Ebenso verweist Arendts Tätigkeit für die Jewish Cultural Reconstruction ab 1949 in New York auf aktuelle Debatten über die Provenienzforschung. So bestand die Aufgabe der Organisation darin, von den Nazis geraubtes Kulturgut ausfindig zu machen und in die USA sowie nach Israel zu überführen.

Weiblich-intellektuell
Neben den Auseinandersetzungen mit ihrem intellektuellen Werk, rückt die Themenschau Hannah Arendt als Persönlichkeit in den Mittelpunkt. Eine Station der Ausstellung ist dem Fotografen Fred Stein gewidmet, dessen markante Porträts Arendts visuelle Rezeption stark beeinflusst haben. Dank einer umfangreichen Schenkung von Edna Brocke, der Nichte Hannah Arendts, an das Deutsche Historische Museum präsentiert die Schau zahlreiche persönliche Gegenstände von Hannah Arendt.

Freundschaften
Zu den außergewöhnlichen Objekten gehört Arendts silberne Minox-Kamera, besser als „Spionagekamera“ bekannt. Zusammen mit einer Vielzahl von Fotografien stellt sie Hannah Arendt als Hobbyfotografin und als Freundin vor. Für sie waren Freundschaften mehr als das Vergnügen der Geselligkeit. Mit ihren zahlreichen Freundschaften spannte Arendt ein Netz über die Abgründe von Flucht und Vertreibung. Ein über das gesamte zweite Obergeschoss verteiltes, dezentrales Kapitel ist ihren Freundinnen und Freunden gewidmet. Dazu gehören u.a. Karl Jaspers, Mary McCarthy, Martin Heidegger, Heinrich Blücher, Walter Benjamin, Anne Weil, Hans Jonas, Günther Anders, Edna Brocke, Lotte Köhler und Wystan H. Auden.

Die ca. 300 Objekte der Ausstellung stammen aus der Sammlung des Deutschen Historischen Museums und weiteren Institutionen, etwa dem Hannah Arendt Bluecher Literary Trust, den Central Zionist Archives in Jerusalem, dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach oder dem Hannah Arendt-Zentrum in Oldenburg.

Zur Ausstellung ist im Piper Verlag eine Publikation in deutscher Sprache (228 Seiten, ca. 80 Abbildungen, 22 €) erschienen, die anhand zahlreicher Essays Hannah Arendts politisch-historische Urteile und die Reaktionen darauf aus heutiger Sicht thematisiert.

Infos zur Ausstellung
Angelehnt an die Empfehlungen des Berliner Senats und unter Einhaltung der landesweit vorgeschriebenen Hygiene- und Schutzmaßnahmen öffnet das Deutsche Historische Museum ab 11. Mai 2020 in einem ersten Schritt die Ausstellung „Hannah Arendt und das 20. Jahrhundert“ für den Publikumsverkehr.

Tickets für die Ausstellung sind online mit einem verbindlichen Zeitfenster erhältlich. Im Deutschen Historischen Museum gelten die allgemein gültigen Abstands- und Hygieneregeln. Das Tragen einer Mund-Nasen-Maske ist Voraussetzung für den Ausstellungsbesuch. Garderoben stehen nur beschränkt zur Verfügung. Auf die Mitnahme von Rucksäcken und Taschen, die größer als 30 x 20 x 10 cm sind sollte verzichtet werden.

Führungen und Gruppenangebote finden derzeit nicht statt. Stattdessen können Besucherinnen und Besucher die Themenschau zu Hannah Arendt im Pei-Bau individuell durch Hörführungen erkunden und einen umfassenden Einblick in das Leben und Wirken der politischen Theoretikerin erhalten. Das Mitbringen eigener Kopfhörer (3,5 mm Klinkenstecker) wird empfohlen.

Zusätzlich zur Wiedereröffnung setzt das DHM seine digitalen Angebote fort. Auf der Webseite, auf dem DHM-Blog und den Social-Media-Kanälen finden sich Beiträge zur aktuellen Ausstellung, die ständig ergänzt werden, darunter die in Kooperation mit dem rbbKultur erstellten Hörcollagen über Leben und Wirken Hannah Arendts.

Tagesaktuelle Informationen und Hinweise zum Ausstellungsbesuch:
www.dhm.de







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