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Winterfeldtplatz:
Mehr als nur ein Platz



Der Winterfeldtplatz am Markttag © Stefan Maria Rother
aus gleichnamigen Buch


von Frank Tetzel

Der Winterfeldtplatz ist mehr als nur ein Platz, er ist eine Institution, oder besser noch: eine Art Lebenshaltung. Er gehört zu einem dieser Kieze in Berlin, die mehr als nur eine Wohnadresse sind. Frei nach dem Motto: sag mir wo Du wohnst, ich sag Dir, wer Du bist.

Geplant Mitte des 19. Jahrhunderts als sogenannter "Platz C" im Berliner Bebauungsplanes von James Hobrecht, wurde 1890 mit seinem Bau begonnen.
Es gab schon damals eine Besonderheit. Die eine Seite des Platzes gehörte zu Berlin, die andere Seite, die westliche, zum damals noch unabhängigen Schöneberg. Der preußische General Hans Karl von Winterfeldt gab dem Platz seinen Namen.

Zentrum der Szene
Der Winterfeldtplatz war vor allem in den siebziger und achtziger Jahren neben Kreuzberg ein Kulminationspunkt für die Zuspitzungen in der Berliner Politik. In den späten 1970er- und 1980er-Jahren befanden sich mehrere besetzte Häuser in direkter Nähe des Platzes. Eines davon war das Haus Winterfeldtstraße 25, in dem sich noch heute ehemalige Besetzer gegen die Vertreibung durch die Hauseigentümerin zur Wehr setzen.

Kern der Grünen
Dieser Teil Schönebergs war eine der Keime der Grün-Alternativen-Liste, die hier zeitweise mehr als 50 % der Stimmen einfuhren.

Alte Kämpen der Grün-Alernativen Bewegung erinnern sich gern und mit Grausen an Jürgen Grages Kneipe "Ruine" im Abrisshaus Gleditschstr. 9. Das schwer vom Krieg mitgenommene Mietshaus, in dem seit 1957 mit Schankerlaubnis Bier gezapft wurde, wurde 1997 endgültig abgerissen. Vorher waren bis 1986, als man die Brandmauer abriß, verschiedene Wohnungen teilbesetzt; die Kneipe genoss vor allem in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts Kultstatus als Hausbesetzer-Kneipe. Keines der Kinder, die heute auf der Freifläche spielen und wohl auch noch kaum ein Elternteil, erinnert sich heute noch daran. Denn weitere fünf Jahre später entstand hier an gleicher Stelle ein kleiner, heute stark frequentierter Park mit Boule/Balote/Boccia-Bahn und Spielplatz.

Die ehemals dort geplante Kindertagesstätte wurde auf das Dach der benachbarten Sporthalle des Architekten Hinrich Baller verlegt und Skandal, Skandal jahrelang zu teuer und zu aufwändig gebaut. Die Berliner Zeitung schrieb dazu: "Der Kombibau mit Sporthalle und Kita am Winterfeldtplatz in Schöneberg sollte ein Kleinod im Kiez werden. Doch das Haus von Stararchitekt Hinrich Baller wurde vor allem als teuerste Turnhalle Berlins bekannt. Die Kosten für das Gebäude explodierten: Wurden 1989 von der Koalition aus SPD und Alternativer Liste noch 38 Millionen Mark (rund 19 Millionen Euro) für das eigenwillige Projekt eingeplant - der Sporthalle ist eine Kita mit begrünter Freifläche "aufgebuckelt" - stehen inzwischen 32 Millionen Euro zu Buche.

Zum Vergleich: Für den ersten Neubau einer Schule in Marzahn für mehr als 1 000 Schüler mit wettkampfgeeigneter Dreifach-Turnhalle wurde 1994 fast die gleiche Summe aufgewandt. Die Bauzeit betrug knapp zwei Jahre. Mehr als zehn Jahre dagegen dauerte es, bis die ersten Kinder am Winterfeldtplatz turnen konnten, die Kita wurde erst im Herbst vergangenen Jahres bezogen. Die Turnhalle am Winterfeldtplatz steht bisher vor allem der benachbarten Spreewald-Grundschule zur Verfügung, in der Kita werden 156 Kinder betreut.

Beim Baller-Bau hieß es von Anfang an "Pleiten, Pech und Pannen": Rügen vom Rechnungshof an den Bezirk wegen schwer wiegender Versäumnisse bei der Projektsteuerung, Baustopps, Risse im Dach der Turnhalle, durch die Wasser ins Gebäude eindringen kann.

Über das Geld für die Nacharbeiten streitet der Bezirk noch immer mit dem Architekten: Für die Veränderung der Dachkonstruktion mussten 1,6 Millionen Mark (rund 800 000 Euro) zugeschossen werden. "Ende März werden die Dacharbeiten beendet und die Freiflächen dort bepflanzt. Die Außenanlagen sollen im Sommer gestaltet werden", sagt Baustadtrat Gerhard Lawrentz (CDU). Die Kostenspirale werde sich weiter drehen: "Noch ist nicht absehbar, was die Instandhaltung kostet. "

Ende der 80iger Jahre und in den neunziger Jahren begann man mit weiteren umfangreichen Sanierungsmaßnahmen rund um den Platz. Inzwischen gehört die Gegend um den Winterfeldplatz wieder zu den begehrten Lagen, was sich durchaus auch an den Ladenmieten bemerkbar macht.

Es ist so, wie in anderen Bereichen Berlins auch. Durch die steigenden Mieten werden diejenigen, doe für die Attraktivität des Platzes und seiner anliegenden Straßen gekämpft haben, selbst wieder verdrängt. Jüngstes Opfer diese Entwicklung. Das "Tim´s Canadian Deli", Ecke Maaßenstraße/Winterfeldstraße. "Liebe Kunden, leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass nach 11 Jahren Anwesenheit am Winterfeldtplatz das Tim´s Deli schließen musste. Mit Auslaufen unseres Mietvertrages konnten wir uns mit der Hausverwaltung nicht über eine Verlängerung einigen. Die Zeit am Winterfeldtplatz hat uns viel Freude gemacht und uns viele Freunde beschert." so stand es auf der Internetseite zu lesen.

Geburtsstunde des RIAS
Überhaupt ist dieser Teil Schönebergs mit dem benachbarten Fernmeldeamt, von dem 1946 der DIAS bzw. RIAS als Drahtfunksender der Amerikaner in Konkurrenz zu den von den Russen besetzten Sendern in der Masurenallee zu senden begann, von geschichtsträchtiger Bedeutung.

Und vor allem: Markttag
Seit 1890 ist der Winterfeldtplatz vor einem eines: Marktplatz. Jeden Mittwoch und jeden Sonnabend. Und dieser Markt zieht eine ganz besondere Mischung an, denn er ist etwas Besonderes: Schöneberg halt. Landwirte aus der Umgebung bieten hier ebenso ihre Waren feil, ebenso wie Blumenhändler, der nette Nudelmann aus Potsdam, es gibt Churros, das spanische Schmalzgebäck, frischer Eier, Bonbons von Kadó, Waffeln, Kartoffeln aus Brandenburgischen Biolandanbau, Fisch und Meeresgetier, natürlich hat "Butter Lindtner" einen stand und Bauer Lindtner der Namensvetter aus Brandenburg auch. Die Düfte von Raclettekäse und Waffeln, von Dönerkebab und anderen Leckereien vermischen sich und ergeben eine ganz spezielle Melange.

 


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Das Buch zum Platz:
WINTERFELDTPLATZ


Winterfeldtplatz, Stefan Maria Rother
Dezember 2008, Berlin Story Verlag, 80 Seiten, ISBN 978-3-86855-008-5
s/w-Fotografien, Hardcover, 16,80 €


Er war ein guter Mensch, ein Seelenmensch, er war mein Freund.“ hat Friedrich der Große über Hans Karl von Winterfeldt gesagt. Winterfeldt starb 1757 fünfzigjährig als preußischer Militär in einer Schlacht bei Görlitz. Oft waren sie unterschiedlicher Meinung, aber die Loyalität Winterfeldts und seine strategische Brillanz waren es, die den Preußenkönig so nachhaltig beeindruckten. Seit dem 12. Mai 1893 trägt der Platz seinen Namen und viele kennen den Namensgeber nicht mehr – zu oft wird der Platz als Winterfeld verwechselt und das harte t dem weichen d geopfert.

Doch von einem Feld oder einem Acker ist dieser Platz weit entfernt. Heute lebt der Winterfeldtplatz von den Unterschieden und den Gleichheiten – hier kann niemand einem ein d für ein t vormachen. So eine Vielfalt und Lebendigkeit zieht jeden Samstag Berliner und Gäste auf den Markt und der Mittwochsmarkt ist kleiner und noch mehr im Kiez verwachsen. Anfang der Achtziger sah diese Idylle ganz anders aus: die Häuser waren heruntergekommen und Spekulationsobjekte, die Drogenszene und der Strich nur einige Straßen entfernt, Hausbesetzer und Polizei lieferten sich heftige Straßenschlachten. Inzwischen ist es schick, hier zu wohnen und wieder wird spekuliert – am liebsten mit den Gewerbemieten. So wird für viele, die diesen Kiez aufgebaut haben, der Alltag wieder zum Kampf. Ob Hans Karl von Winterfeldt die richtige Strategie gehabt hätte?

Stefan Maria Rother in der Einleitung des Buches

Pinchos Stand


Der Winterfeldtmarkt ist nicht nur ein reiner Einkaufsmarkt, sondern lädt auch immer wieder zum Schlemmen ein. Pinchos heißen die kleinen Spießchen, die hier zum Empfehlen sind.
MARKTLECKEREIEN


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