Von Frank Tetzel
Hitler, der verhinderte Architekt, sein Baumeister Speer und eine Stadt, die der braune Diktator nach seinem Willen in die Hauptstadt Germania umformen wollte – soweit ist die Geschichte auch allgemein bekannt. Hitlers merkwürdige Hassliebe zu Berlin, das er das erste Mal schon 1916 während eines Fronturlaubs besuchte, war bislang nur ganz wenigen Menschen geläufig.
Projektionsfläche für Strategien
Das Berlin der zwanziger Jahre, so beschreibt es der Historiker Thomas Friedrich in seinem Buch „Die missbrauchte Hauptstadt“, wurde die Projektionsfläche für die braunen Rituale, Propagandastrategien und Verfolgungsaktionen von Kommunisten, Sozialdemokraten und weiteren Andersdenkenden.
Von der Splitterpartei zur Massenbewegung
Vor allem Josef Goebbels, der von Hitler eingesetzte Gauleiter für Berlin, verfeinerte und ziselierte die Nazimethoden in den zwanziger Jahren immer stärker. So wurde, vor dem Hintergrund der Großstadt Berlin, aus einer Splitterpartei eine Massenbewegung. Das Hauptaugenmerk legt Thomas Friedrich auf die Zeit vor 1933, die ein Großteil des klugen und sehr umfangreichen Buches umfassen.
Hitlers komplexes Verhältnis zu Berlin
Dass das Verhältnis Hitler zu Berlin komplex und widersprüchlich war, versucht der Autor unter Zuhilfenahme vieler Quellen zu belegen. Dass vieles, was zum Verhältnis Berlin – Hitler durch ein Teil der Geschichtsdeutung psychologisiert wurde, von Friedrich wieder zurecht gerückt wurde, ist das Gute an diesem Buch, weil es sehr kundig entmystfiziert.
Für den Stadthistoriker Friedrich steht das politische Kalkül, die rein rationale Strategie zum Machterwerb, im Mittelpunkt der Beziehungen zwischen Hitler zu Berlin – zusammenfassend ein „instrumentelles Verhältnis".
Standardwerk
Für den historisch interessierten Leser ist das Buch ansprechend geschrieben, wenn auch die eine oder andere Stelle, ob ihrer Quellenlastigkeit und Akademisierung ein wenig aus den Fugen geraten ist. Zudem hätte sich der Autor, der ein Gesamtbild darstellen wollte, den einen oder anderen Exkurs sparen können.
Dennoch, das Buch kann sich zum Standardwerk nicht nur für die Berliner Bibliotheken zu diesem Thema entwickeln. Eine historische Lücke hat der Autor allemal geschlossen.