Klappe zu, Ohren auf: Peaches Listening-Session im Scala | |  Peaches bei einem Konzert mit ihrer Gruppe "The Herms", ©Jennifer Vecellio/Flickr.com
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von Lisa Geiger
Eine Treppe entfernt liegt der Wahnsinn. Die Stufen knarzen unter meinen Füßen. An diesem Donnerstag, gegen 22 Uhr, sollte die „Electrocrap“-Göttin Peaches ihr am zweiten Mai erscheinendes Album „I Feel Cream“ einem kleinen Publikum vorführen. Das „Scala“ in Berlin hat keine Leuchtreklame, der Eingang ist tapeziert mit zerfetzten Postern aus Jahren der Hausbesetzung. Peaches spielt gerade „Talk To Me“, als ich den kleinen, Kinoartig aufgebauten Raum betrete.
Auf Terrassen hockend beobachten die um die fünfzig Anwesenden die Freakshow auf der Leinwand und der Tanzfläche. Diesmal ist es allerdings nicht Peaches, sondern eine Frau mit Turban, die zur Musik die Hüften schwingt.
Es riecht nach Patschuli. Die Meisten hier sind junge Grafikdesigner und Modestudentinnen aus Mitte. Es wird geraucht und Bier getrunken. Eine Gruppe Anzugträger stakst unbeholfen durch die am Boden sitzenden und unterhält sich amüsiert-pikiert auf Englisch.
Peaches selbst macht zwischendurch Ansagen, tanzt, albert herum. Sie trägt eine zum Teil blond gefärbte Mähne, dazu Lederjacke und Klunker-Kettchen. Die „Leinwand“ ist mittig bemalt mit einem Graffitti-Tag. So trägt Peaches in ihren Videos den Schriftzug auf dem Bauch und im Gesicht.
Nach einigen Minuten schriller Fiepser und zu dunkler Bilder kann es endlich los gehen. Das erste Video gehört zum Song „Lose You“. Peaches ganz privat, mit Handtuch in den Haaren und Bademantel, bittet zwei völlig Fremde in ihr Wohnzimmer.
Zu deren Überraschung begrüßt sie den hageren Mann und die Frau mit Küsschen und „Good to see you“. Dann führt sie sie in einen kleinen Raum und bittet sie, sich auf das Sofa zu setzen. Nahaufnahme Peaches Gesicht: Mit verzweifeltem Ausdruck singt sie „I don’t want to lose you“ und wird später von Kostüm und zwei Tänzern unterstützt. Zur Überraschung der beiden Gäste natürlich.
Fuck the Pain away Peaches, mit bürgerlichem Namen Merrill Nisker, ist eine nach herkömmlichen Maßstäben hässliche Frau. Doch nach Klassiker-Hits wie „Fuck the Pain away“ und „Fatherfucker“ gilt sie als Sexsymbol.
Warum, das beantwortet sie selbst in einem ihrer Videos. „Wir alle haben Sexappeal und wir alle fühlen uns sexy, nicht nur Leute mit blonden Haaren und großen Titten, die jeden Teil ihres Körpers rasieren. Wenn ich auf der Bühne bin, fühle ich Sex.
Viele Leute sagen: Oh sie ist so widerlich. Ihr Make-Up verläuft, sie schwitzt und ich kann ein paar Haare aus ihrem Bikini herauskommen sehen. Aber jeder kann seinen Sexappeal zeigen.
Sexsymbol Und wenn Leute mich dann als Sexsymbol bezeichnen, ist das fantastisch. Das ist, wie ein völlig neues Klischee zu kreieren.“ Auf der Bühne ist Peaches die „Queen of Electrocrap“, mit grellen und ausladenden Kostümen und furchteinflößenden Frisuren und Makeup.
An diesem Abend im „Scala“ steht sie ungeschminkt und unfrisiert hinter dem Mischpult. Mit einer blonden Freundin albert sie herum, singt ihre eigenen Texte mit und trinkt Bier aus der Flasche. Nachdem alle zwölf Lieder des Albums gespielt sind und eine Gruppe von fünf Mädchen das Werk schon mal tanzend feierten, dirigiert ein Mann mit Karohemd Peaches auf einen Sessel.
Die Fragestunde hat begonnen. Doch Peaches Fans scheinen sich wenig für die Entstehung der Songs zu interessieren. Jemand fragt nach den Vorzügen der Rasiertheit.
Peaches antwortet: „Ja, es ist großartig, rasiert zu sein. Aber, weißt du, so nach zwei oder drei Tagen fängt es ziemlich an zu jucken.“ Dann geht es noch um das „Arsch-Blondieren“, das Peaches empfiehlt und schließlich meldet sich ein Musikfan zu Wort: „Zu allererst: Ich finde das Album fantastisch.“ Applaus vom Berliner Publikum.
Peaches kann mit diesem vierten Album mühelos an ihre bisherigen Hits anschließen. Mitproduziert wurde es von Electro-Größen wie Simian Mobile Disco, Digitalism, Soulwax und Drums Of Death. Eine gewisse musikalische Reife ist herauszuhören und sogar eine astreine Ballade („Lose You“) zaubert die Künstlerin.
Einer der potentiellen Anschluss-Hits ist zweifellos das knallige „Talk To Me“. Die kommende „I Feel Cream“-Tour darf freudig erwartet werden. Am ersten Mai werden die Autos brennen, am zweiten Mai dann die CD-Player.
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