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Kurfürstendamm: Der boomende Boulevard 1919 - 1933


Seine erste Blütezeit erlebte der Kurfürstendamm in der Weimarer Republik. Die Nationalsozialisten hassten den Boulevard. Für sie war er der Inbegriff der Dekadenz. © Frank Tetzel

"Das größte Caféhaus Europas" nannte Thomas Wolfe den Boulevard, der sich  dreieinhalb Kilometer vom Breitscheidplatz bis zum Rathenauplatz zieht. In den Goldenen Zwanziger Jahren entwickelte sich der Kurfürstendamm zu eine der aufregensten Straßen Europas und viele Geschäfte, die in Berlins Mitte ansässig waren, eröffneten hier ihre "City Filiale", mit der Folge, das viele Geschäfte hier den Stammhäusern in der traditionellen Berliner Mitte sogar den Rang abliefen.

So entstand beispielsweise das Hotel Kempinski in den zwanziger Jahren zunächst als Filiale des Stammhauses. Der Name des Hotels, geht auf die jüdischen Eigentümerfailie zurück, die hier seit 1926 ein Groß-Restaurants betrieb. 'Kempinski am Kurfürstendamm' war ein nobel ausgestattetes Speiserestaurant mit zivilen Preisen, in dem Tag für Tag mehr als 2000 Gäste bewirtet wurden. Berthold Kempinski erfand die halben Portionen zu halbem Preis.

Kneipen und Restaurants
Es gab zwischen seinem Anfang bis etwa zur Knesebeckstraße kein haus, in dem nicht eine Bierkneipe, ein Café, ein Restaurant oder eine Weinbar seine Türen für Gäste offen hielt. Lichtreklame, in Berlins Stadtmitte verpönt, machte am Kurfürstendamm die Nacht zum Tag.

Romanisches Café
Beliebter Treffpunkt der Intelektuellen war das Romanische Café unweit der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Dabi war das Cafe nicht gerade wegen seiner Gemütlichkeit bevorzugt. Es sah aus wie ein großer Bahnhofswartesaal und auch die Küche soll nicht gerade besonders gewesen sein. "Der Kaffee war schlecht, der Kuchen alt, die Eier im Glas teuer, die Wiener Schnitzel unerschwinglich, aber das Deutsche Beefsteak für eine Mark das beste der Stadt," erinnert sich ein Zeitgenosse.

Dennoch traf sich hier der Geist der Stadt. Tucholsky, Ernst Lubitsch, Carl Zuckmayer, Josef Roth, Heinrich Mann, Gottfried Benn, Sylvia Harden, Ernst Rowohlt, Bertold Brecht und Egon Erwin Kisch gehörten zu den Stammgästen des Romanischen Cafés. Hier wurde diskutiert, aber auch Verträge ausgehandelt, gelesen und Geschäfte gemacht. Hier wurde  künstlerisches Networking betrieben, es gab einzelne an Interessen orientierte Stammtische. "Das Romanische Café ist der Wartesaal der Talente. Es gibt Leute, die heir zwanzig Jahre Tag für Tag aufs Talent warten. Sie beherrschen, wenn nichts sonst, so dochKunst des Wartens in verblüffendem Maße", schrieb Erich Kästner, der eine zeitlang nur wenige Minuten vom Café entfernt in der heutigen Prager Straße wohnte.

Automobilisation
In den zwanziger Jahren begann auch die große Zeit des Automobils auf dem Kurfürstendamm, zahlreiche Autohäuser eröffneten hier ihre Showrooms. Doch noch bis in die Zwanziger Jahre verlief der Reitweg, also der Ursprung des Dammes , in der Mitte des Boulevards.

Mit der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am Auguste-Viktoria-Platz (ab 1947 Breitscheidplatz) versuchten auch die Hohenzollern architektonischen Einfluss auf die Straße zu nehmen, aber spätestens nach der Abdankung des letzten deutschen Kaisers im November 1918, entwickelte sich die Straße zu einer bürgerlichen Flanier-, Amüsier- und Geschäftstraße. "Taufhaus des Westens" nannten Spötter, die 1895 eingeweihte Kirche der Hohenzollern. Denn während die Prachtstraße "Unter den Linden" eine Repräsentationsstraße auch für Militärs und Paraden war, gab sich der Kurfürstendamm ganz bürgerlich bourgeois. In den Zwanziger Jahren wurde übrigens sehr ernsthaft öffentlich darüber diskutiert, ob man die Kirche als Verkehrshiundernis nicht einfach abreißen sollte.

Kinos, Kino, Kino

Von den vielen Kinos, die in den 20er Jahren hier aus dem Boden schossen, sind heute nur noch ganz wenige erhalten. In den großen Uraufführungshäusern Marmorhaus, Gloria-Palast, Union-Palast, Capitol und Ufa-Palast am Zoo fanden die Premieren und Uraufführungen statt, zuerst die Stummfilme, später die ersten Tonfilme. In den meisten Kinos befinden sich heute die Filialen großer Textilketten. Am Kurfürstendamm Nummer 68 befindet sich eine kleine Tafel, die auf den ersten Tonfilm hinweist: Das Alhambra Kino:

IN DIESEM HAUSE
DEN DAMALIGEN ALHAMBRA-LICHTSPIELEN
ERLEBTEN DIE BESUCHER
AM 17. SEPTEMBER 1922
DIE WELTURAUFFÜHRUNG DES ERSTEN TONFILMS
DIE DEUTSCHE ERFINDERGEMEINSCHAFT TRI ERGON
DR.JO ENGL
DR.-ING.E.H.JOSEPH MASSOLLE
DR.H.C.HANS VOGT
HAT MIT IHREM HEUTE NOCH ANGEWANDTEN
LICHTTONVERFAHREN DIE TECHNISCHEN GRUNDLAGEN
FÜR DEN TONFILM GESCHAFFEN
GEWIDMET VON FRIEDRICH JAHN
17. SEPTEMBER 1964

steht dort geschrieben.

Entertainment wird groß geschrieben
Schon in den 20er Jahren gab es politische Kämpfe auf dem Boulevard auf dem Kurfürstendamm, denn die Straße war immer auch Bühne um Weltanschauungen und Einstellungen zu demonstrieren. Außerdem bot der Kurfürstendamm alles, was die Nationalsozialisten verabscheuten. Entertainment, Mode und Lifestyle.



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