Die Halbinsel Schildhorn im Wannsee

Die Schildhornsäule (Foto: KmdG)

von Katrin Müller de Gámez

Viele Wege führen nach Rom, in diesem Fall zu einem seit dem 19. Jahrhundert beliebten Berliner Ausflugsziel. Zwischen Kuhhorn und Postfenn, am Friedhof der Namenlosen vorbei, kurz hinter der Revierförsterei Saubucht – wenn man vom Teufelsberg kommend den Grunewald Richtung Wannsee durchquert – trifft der Waldspaziergänger auf die Halbinsel Schildhorn.

Wie ein Wurmfortsatz ragt sie in die Havel hinein. Ein weiterer Zugang wird durch die Havelchaussee ermöglicht, die wohl schönste Cabrio-Route Berlins. Auf der einen Seite der Grunewald, auf der anderen die Havel und das alles in der Großstadt. Hier entlang fährt auch die Omnisbuslinie 218. Zu manchen Zeiten sind historische Wagen im Einsatz, welche die BVG-Gäste mit ihrem hinteren Einstieg und vorderen Ausstieg meistens verwirren. Obwohl es doch solange noch gar nicht her ist, dass diese Wagen das Stadtbild bestimmten.

Erinnerungen an die Eiszeit

Der Fahrer kurbelt schwer am Lenkrad, der Bus hat keine Servolenkung, und mühsam mit röhrendem Motor arbeitet sich das Fahrzeug über die Erhöhungen der Strasse. Die Eiszeit läßt grüßen und erinnert die Fahrgäste daran, dass hier die Endmoränenstauchungen die Landschaft formten. Der bei Schildhorn liegende Dachsberg hat immerhin eine Höhe von 61 Metern über Normalnull.

Am kleinen Park- und Wendeplatz kurz vor der Landzunge begrüßt die Besucher das erste Wirtshaus. Wer hier nicht schon einkehrt, macht sich auf, um Schildhorn zu erkunden. Durch märkischen Kiefernbestand und Birken geht es am kleinen Gewerkschaftshotel und dem eingezäunten Kinder-Waldspielplatz vorbei bis zum Ufer der Havel.

Leicht gedämpftes Strandvergnügen

Alles macht einen einigermaßen verwahrlosten Eindruck. Auch mit dem Argument „naturbelassen“ können die Ansammlungen von Müll, selbst im Röhrichtbewuchs der Havel, nicht beschönigt werden. Wer sich dann nach rechts wendet hat zwei Möglichkeiten. Da ist einmal der Ufer-Rundweg um die Landzunge herum. Spaziergänger, Jogger und Radfahrer bevölkern ihn. An der Nordspitze der Halbinsel befindet sich ein kleiner von Sonnenanbetern, Badenden, Anglern und Hunden gut frequentierter Sandstrand. Dahinter steht das Haus der zweitältesten Berliner Wasserrettungsstation. Der Uferweg führt weiter an der Jürgenlanke entlang zurück zum Waldspielplatz.

Eine Treppe lädt ein, den zehn Meter hohen eiszeitgestauchten Sandhügel zu erklimmen. Dorthin verirren sich wenige. Nur als Gemurmel wahrnehmbar, dringen Gesprächsfetzen vom Uferweg hinauf. Zwei Bänke laden zum Ausruhen und Genießen der Aussicht auf den Wannsee ein. Leider liegen auch hier die unvermeidlichen Hinterlassenschaften mancher Besucher - die leere Flasche Bier, das Papier von Schokoriegeln, benutzte Taschentücher und ein Häufchen Zigarettenkippen.

Ein paar Schritte von den Bänken entfernt befindet sich das Schildhorn-Denkmal, das eng mit der märkischen Geschichte verwoben ist.

Erinnerungen des Königs

Friedrich Wilhelm IV.(1795-1861), König von Preußen, hatte die Idee, in „oft todten uninteressanten Sandschellen“ der Mark Brandenburg Wendepunkte der Landesgeschichte hervorzuheben. Sozusagen als Vorläufer touristischer Attraktionen. So ließ er nach eigener Bleistiftzeichnung 1844 von dem berühmten Architekten Friedrich August Stüler (1800-1865) einen Entwurf für eine Säule fertigen, die der Baumeister Christian Gottlieb Cantian (1794-1866) 1845 aus Sandstein auf der Landzunge errichtete. Cantian, hochgeehrter Fachmann seiner Zunft, schuf unter anderem auch die bewundernswerte Granitschale im Lustgarten.

Die Säule sollte an den Wendenfürsten Jaxa von Köpenick erinnern, der – einer Sage nach – im Jahre 1157, auf der Flucht vor Albrecht dem Bären, mit seinem Pferd von Spandau aus versuchte, die Havel zu durchschwimmen. Auf halber Strecke ließen bei beiden die Kräfte nach und Jaxa soll den bis dato verhassten Christengott um Hilfe angefleht und ihm versprochen haben, sich taufen zu lassen, sollte er lebend ans andere Ufer gelangen. Prompt gelang dies auch und Jaxa hängte zum Dank Schild und Schwert an einen Baum. Die Sage, die in mehreren Versionen als mündliche Überlieferung existierte, wurde um 1730 das erste Mal schriftlich festgehalten. Nicht zufällig markiert sie die Geburtsstunde der christlichen Mark Brandenburg, das Jahr 1157, als es dem Askanier Albrecht dem Bären gelang, Brandenburg von den Wenden zu erobern.

Eine alte Sage berichtet

Nun, die Jaxa-Sage stimmt wohl nicht, hätte sich aber so abspielen können. Zum Spandauer Ufer sind es nur ungefähr 600 Meter, für einen Schwimmer, mit und ohne Pferd, gut zu schaffen. Der Name Schildhorn, bereits seit dem 16. Jahrhundert in Dokumenten belegt, ist wahrscheinlich zusammengesetzt aus der Übersetzung eines slawischen Gewässerflurnamens „Schild“ und dem mittelniederdeutschen Wort „Horn“ für Landzunge. In der Umgebung von Schildhorn gibt es noch weitere Namen, die einen ähnlichen Ursprung haben wie Kuhhorn, Breitehorn, Weinmeisterhorn.

Aber zur Sage passt der Name perfekt. Friedrich Wilhelm IV. kannte den Ort gut, immerhin gehörte er zum königlichen Jagdrevier. Nur einige Fischer und ein Holzwärter lebten hier. Mit der Errichtung der Säule begann sich der Ort als Ausflugsziel zu entwickeln.Aber erst mit dem Bau der Havelchaussee 1879-1885 und vor allem der Eröffnung des Bahnhofes Grunewald 1879 kamen die Ausflügler in Scharen aus dem nahen Berlin. Gaststätten wurden aufgemacht, Familien verbrachten einen Sonntagnachmittag beim Picknick am Ufer.Im Zweiten Weltkrieg wurde das Denkmal zerstört und erst 1954 wieder rekonstruiert. Heute macht es einen ungepflegten Eindruck, der Sockel ist teilweise beschmiert. Es ist kein anziehendes Kunstwerk, erfüllt aber doch immer noch den Zweck für den es Friedrich Wilhelm IV. hat errichten lassen. Es erinnert an Albrecht den Bären und die Gründung der Mark Brandenburg und es ist ein lohnendes Ausflugsziel.

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