Kaiserhöfe

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Kaiserhöfe: Unter den Linden

von Rainer L. Hein/Steffen Pletl

Wer von der Wilhelmstraße kommend Ber­lins Mitte in östlicher Richtung durchstreift, stößt überall auf die Grenzen der alten Friedrichstadt und der historischen Dorotheenstadt.

Hier ist Geschichte greifbar, die Geschichte der preußischen Könige und deutschen Kaiser. Dabei war es der russische Zar Nikolaus I., der 1837 diesem Teil der aufstrebenden Stadt zu einer besonderen Bedeutung verhalf. Er kaufte das Palais Unter den Linden 7, das bereits 1764 für die Prinzessin Amalie, die jüngere Schwester Friedrichs des Großen, errichtet worden war. Fortan diente das Gebäude als russische Gesandtschaft.

Der Boulevard Unter den Linden gewann mehr und mehr an Bedeutung. Ob vom Brandenburger Tor bis zur Schlossbrücke gen Osten, bis zur Spree im Norden oder gegen die heutige Behrenstraße im Süden – das gesamte Quartier wurde in der Folgezeit zu einer Ansammlung prächtiger Bauten, die das neue Selbstbewusstsein und die Machtansprüche der jeweiligen Bauherrn und Hausbesitzer, darunter auch zahlreiche Unternehmer, ausdrückten.

Nur wenige Gebäude aus dieser Zeit blieben im Zweiten Weltkrieg vom Bomben- und Granatenhagel verschont. Waren zu Beginn des Krieges 1939 dreißig palastähnliche Bauten entlang der Linden-Promenade zu bestaunen, sind davon heute nur acht geblieben.

Doch diese Überbleibsel sind mehr als nur stattliche Zeugen der Kunst von Baumeistern aus früherer Zeit. Sie haben auch einen starken historischen Bezug – vor allem zum Haus der Hohenzollern, jenes Adelsgeschlechts, das das Erscheinungsbild der deutschen Hauptstadt über die Jahrhunderte entscheidend prägte. In diesem Zusammenhang sind beispielsweise die einstige Kaisergalerie – auch unter dem Namen Kaiserpassagen bekannt – an der Ecke Friedrich- und Behrenstraße zu nennen, auf deren Grund sich heute das Hotel Westin Grand befindet, der Zollernhof – heute ZDF-Studio – und als besonderes Juwel das Gebäude Unter den Linden 26-30, im vergangenen Jahrhundert als Mercedes- oder auch Daimler-Haus bekannt und Teil der heutigen Kaiserhöfe.

Es war Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts als der Automobilbauer Gottlieb Daimler am Boulevard Unter den Linden 28-30 auf Wunsch von Kaiser Wilhelm II. einen Autosalon eröffnete. Da Majestät starkes Interesse an neuesten Errungenschaften moderner Technik hegte, wurde er bis zum Ersten Weltkrieg 1914 quasi zum Stammgast des noblen Autohauses. In Nachbarschaft zur Niederlassung des in Stuttgart beheimateten Unternehmens gönnte sich auch die Auto Union AG (Audi) einen großen Salon für ihre Fahrzeuge.

Später kam dann noch der Salon des französischen Autobauers der Citroën AG hinzu – und zwar mit der Adresse Unter den Linden 26-30.

Ihren heutigen Namen „Kaiserhöfe“ verdankt die neu geschaffene Passage zwischen Unter den Linden und Mittelstraße eben dieser Vorliebe des letzten deutschen Kaisers für die moderne Automobiltechnik, die Wilhelm II. häufig in die Geschäftsräume der Daimler-Motorengesellschaft führte.

Angesichts der häufigen Visiten des Kaisers im Auto-Salon Unter den Linden lag es nahe, dass sich auch gehobene Gastronomie in dem geräumigen Doppelgebäude ansiedelte. Das weit über Preußens Grenzen hinweg bekannte Weinhaus Dressel eröffnete folgerichtig ein Restaurant, das über einen Zugang zur Mittelstraße hin verfügte. Doch auch von den „Linden“ führte ein Durchgang am Auto-Salon vorbei direkt zum „Dressel“, wie das Lokal bald salopp genannt wurde.

Inzwischen sind die Kaiserhöfe wieder zu einer ersten Adresse der Stadt geworden. Das Ensemble wurde zwischen 2006 und 2008 von den deutsch-spanischen Investoren der Chamartín/Meermann-Gruppe zu einem Juwel an der Prachtstraße Unter den Linden geschliffen. Vergangenheit und Zukunft sind eine architektonische Synthese eingegangen. Unter großen Anstrengungen und mit viel Phantasie ist es gelungen, diese Einheit herzustellen. So findet sich in den Höfen moderne Kunst neben historischen Kleinoden, die prachtvolle Büste von Kaiser Wilhelm II. verträgt sich gut mit Pop-Art Bildern der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts. Nichts stört sich gegenseitig, alles scheint wie von Zauberhand zu einer Einheit verschmolzen.

Ganz in diesem Sinne und mit diesem Anliegen hatte der Initiator der Kaiserhöfe-Passage, der Kunstliebhaber und Projektentwickler Heinz H. Meermann, Fachleute und Gewerke beauftragt, aus der weit verzweigten Anlage einen neuen Anziehungspunkt für Berliner und Touristen zu schaffen. Das ist den Architekten Rüthnick und Kampmann gelungen, das Ensemble ist aus dem Dornröschenschlaf erweckt und in der Gegenwart angekommen. Den Weg dorthin während der Planungs- und Bauphase und aus Sicht des Denkmalschutzes erläutern Architektin Elisabeth Rüth­nick und Norbert Heuler vom Landesdenkmalamt in ihren Beiträgen im Architektur-Anhang.

Beginn der Kaiserhöfe


Genau genommen ist der Beginn der Geschichte der späteren Kaiserhöfe auf das Jahr 1909 datiert. Damals hielten es einflussreiche preußische Bankiers für dringend geboten, im Herzen Berlins ein repräsentatives Bankhaus zu errichten.

Bereits ein Jahr später rückten die Baukolonnen an. Die Architekten Gronau & Graul – später stiegen noch die Architekten Bielenberg & Moser zusätzlich mit ein – hatten ein stattliches Gebäude im spätwilhelminischen Stil eines Kontorhauses entworfen. Seine Adresse: Unter den Linden 26. Auftraggeber waren die Direktoren der Preußischen Central-Bodenkredit AG.

Das namhafte Geldinstitut war seinem ehrgeizigen Ziel näher gerückt, sich unmittelbar im politischen und gesellschaftlichen Zentrum der Reichshauptstadt zu präsentieren. Das Gebäude sollte nicht zu protzig ausfallen, dennoch von eindrucksvoller Solidität sein. Kurz, ein Haus sollte entstehen, das Bestand hat und Vertrauen schafft. Stabilität und Zuverlässigkeit, die die Geschäfte im Innern prägten, sollten sich auch im äußeren Erscheinungsbild ausdrücken. An der Fassade ist dieses Credo der Bauherrn von damals noch heute abzulesen. So entstand eine ursprünglich fünfgeschossige Anlage mit rustiziertem Sockel, drei durch korinthische Kolossalpilaster zusammengefassten Hauptgeschossen und einem zurückgesetzten Attikageschoss mit Ladenlokal im Erdgeschoss. Stuck und Säulen an den Außenwänden und die mit Muschelkalk verblendete Fassade wurden zu Sinnbildern dessen, was zu dieser Zeit unter einer „vornehmen Adresse“ zu verstehen war. Auftrag erfüllt.

Vornehme Adresse

Das Innere dominierte die große Kassenhalle mit dem Ausgang zum Prachtboulevard. Das war ausdrücklich so gewollt. Obwohl das Bankhaus großzügig bis zur Mittelstraße hin angelegt wurde, sollte die Kundschaft die Geschäftsräume von den viel prominenteren „Linden“ aus betreten können. (…)

Mercedes-Benz Repräsentanz


Fast zeitgleich – nämlich von 1912 bis 1913 ließ die Daimler-Motoren-Gesellschaft ihre Repräsentanz – das so genannte Mercedes-Haus – an Berlins wichtigstem Boulevard errichten, das 1926 aber wieder aufgegeben und von den benachbarten Bankiers übernommen wurde. Beide Gebäude – Bankhaus und Autosalon – wuchsen so zu einem Ensemble zusammen.

Für den Daimler-Neubau wurde eine fünfgeschossige Sandsteinfassade mit Sockelzone und Attikageschoss gewählt, die sich zu einem strengen Neoklassizismus verbinden. Als oberen Abschluss hatten die Baumeister Alfred Klingenberg und Fritz Beyer, von denen die Pläne stammen, einen mit Greifen und Ranken geschmückten Relieffries ziehen lassen. Ursprünglich erhob sich über dem Attikageschoss ein Giebel mit vier antikisierenden Standfiguren.

Erhalten geblieben sind zwei über den Fenstern des ersten Obergeschosses in die Wandflächen eingelassene Reliefplatten mit symbolischen Darstellungen der Betätigungsfelder der Firma Daimler in der Auto- und Flugzeugindustrie. Der großzügige Ausstellungsraum im Erdgeschoss bot reichlich Platz. Bis zu fünfzehn – wie es hieß – „karossierte Mercedes-Wagen“ konnten gleichzeig in ansprechender Form präsentiert werden. Die Kellerräume, die mit einem der ersten Lasten-Fahrstühle Berlins zu erreichen waren, boten Platz für Mercedes-Chassis und Flugzeugmotoren. (…)

(Foto: Homuth)

Unter den Linden 26-30 / Mittelstraße 51-53
Kurze Beschreibung der Planungs- und Bausphase


Am 5. Oktober 2005, abends, kam ein Anruf unseres Bauherrn, mit der fast beiläufig gestellten Frage, ob unser Büro Interesse an der Teilnahme an einem Wettbewerb, bzw. einem Architektenauswahlverfahren, hätte. Es ginge um die Instandsetzung, die Umgestaltung und möglichst auch Erweiterung eines Gebäudekomplexes Unter den Linden. Genauer gesagt um den Gebäudekomplex Unter den Linden 26 bis 30/Mittelstraße 51 bis 53.

Wenn Interesse bestünde, so mögen wir uns übermorgen am Ort des Geschehens zu einer ersten Besichtigung einfinden. Der Tag kam und so bewegte sich am 7. Oktober ein Grüppchen von zehn, zwölf Menschen, Bauherrenvertreter sowie mehrere Kollegen unterschiedlicher Büros mit wachen Augen und Fotoapparaten ausgestattet durch den – wie sich zeigte – großen, auf den ersten Blick zum Teil verwirrend labyrinthisch wirkenden Koloss zwischen dem Prachtboulevard und der Mittelstraße.

Es war die erste Begegnung mit diesem imposanten, in den Anfängen des 20. Jahrhunderts Unter den Linden errichteten Geschäftshaus, das den Repräsentationswillen seiner Auftraggeber und Erbauer deutlich erkennen lässt. Die ersten Eindrücke waren durchaus vielschichtig.Beeindruckend wirkten die imposant gestalteten Muschelkalkfassaden.

Schön auch der Eindruck einzelner intakt gebliebener Räume im Gebäude, wie der bauzeitliche Tresorraum, der Marmorsaal. Ebenso fielen zahlreiche Details der historischen Treppenhäuser auf.

Negativ hingegen und bis heute unverständlich war der Eindruck über die Qualität des Ausbaus der Voreigentümer der Gebäude aus der Nachwendezeit. Investitionen – sicherlich nicht unerheblich – und gestalterisches Ergebnis klafften weit auseinander. Hier war mit Sicherheit kein Architekt am Werk!

Dann wieder Beeindruckendes: Die Größe der unausgebauten Dachräume entlang der Fassaden Unter den Linden und der Mittelstraße!...

Nützliche Informationen

Kaiserhöfe
Unter den Linden 26-30
Eingang Mittelstraße 51-54
10117 Berlin
info@auktionshaus-kaiserhoefe.de

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Kaiserhöfe

(Herausgeber Werner F. Rinsche)

Die Texte stammen aus dem gleichnamigen Buch von Rainer L. Hein und Steffen Pietl. Hein arbeitet seit 1991 in der Berlin-Redaktion der Welt und der Berliner Morgenpost. Nach einem Studium der Theologie schrieb er für die Bremer Nachrichten, den Kölner Express und war Politikchef beim Berliner Kurier. Er steht auf Werder Bremen.

Steffen Pletl hält es mehr mit Hansa Rostock. Als Journalist und Fotograf berichtet er aus Berlin, aber noch etwas lieber aus Asien. Zusammen gaben sie ein Buch zur Architektur in Berlin Mitte heraus.

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© Fotos Hohuth, mit freundlicher Genehmigung des Verlages