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Rathaus Schmargendorf: hier heiratet man gern

Berlin, Rathaus Schmargendorf, Architekt: J. Otto Kerwien © Axel Mauruszat

von Katrin Müller de Gámez

Weit über die Bezirksgrenzen hinaus ist es beliebt, das Rathaus Schmargendorf am Berkaer Platz 1. Eine Augenweide für jeden, der hier stehen bleibt und sich die Zeit für eine ausgiebige Betrachtung gönnt. Es ist eine Überlegung wert, wenn es darum geht, den geeigneten Ort für die Eheschließung auszuwählen.

In den 70er Jahren waren die sonntäglichen Jazz-Frühschoppen der Anreiz für die Autorin, zum Rathaus Schmargendorf zu pilgern. Der verrauchte, etwas düstere Ratskeller war beliebt und ständig überfüllt. Auch wenn es samstags mal wieder etwas später geworden war, so wurde eine Verabredung an diesem Ort doch immer wahrgenommen.

Die Jazzmusik war gut, das Bier war kühl und Freunde und Bekannte traf man hier sowieso. Damals ging der Blick selten hoch an der Fassade des Rathauses. Ein paar Jahre später hat sich das geändert. Heute richtet sich bei Spaziergängen durch Schmargendorf die Route meist nach dem Rathaus aus, um dieses schöne Gebäude nicht zu verpassen. Es lohnt sich immer.

Der Baumeister


Julius Otto Kerwien (1860-1907), ein renommierter Potsdamer Architekt, erhielt am Ende des 19. Jahrhunderts den Auftrag, ein Rathaus für Schmargendorf zu bauen. Es war die Zeit des Historizismus und Julius Kerwien frönte diesem Stil ausgiebig, indem er Anleihen bei verschiedenen Epochen aufnahm. Die märkische Backsteingotik des Gebäudes zeigt Jugendstilelemente, der hohe, weithin sichtbare, runde Turm ist mit Zinnen bekränzt und einem Kegelhelm versehen. Das große „Klosterformat“ – im Gegensatz zum kleineren „Reichsformat“ - der roten Rathenower Ziegel, gibt dem Rathaus ein imposantes Äußeres, das noch durch die beeindruckenden steilen Staffelgiebel verstärkt wird.

Wer durch die Mark Brandenburg fährt, kann ähnliche Bauten in diesem „trutzigen“ Stil finden, allerdings oft in dunkleren Farben. Das trutzige wird beim Rathaus Schmargendorf durch die vielen kleinen Türmchen und die weißgehaltenen Rundbögen ins Spielerische abgewandelt. So entsteht für den heutigen Betrachter eher der Eindruck einer Märchenburg.

An prominenter Stelle ist der rote märkische Adler zu sehen, der auf die askanischen Markgrafen zurückgeht, die wohl die Gründer von Schmargendorf waren. Der Adler mit seinen geöffneten Schwingen, in denen je ein Kleestengel platziert ist, dem weit aufgerissenen Schnabel und der roten Zunge, ist heute das Wappentier des Bundeslandes Brandenburg.

Zwischen 1900 und 1902 wurde das Schmargendorfer Rathaus erbaut, das einem anderen Bau von Julius Kerwien sehr ähnelt. 1898-1899 entwarf und baute er das Rathaus von Nowawes. Diese ehemalige Weberkolonie war bis 1939 selbständig und heißt jetzt Potsdam-Babelsberg. Ihr Rathaus wird heute als Kulturhaus genutzt.

Beamte, Brautpaare und Bücher


Gleich nach Bauende zog hier die Schmargendorfer Gemeindeverwaltung und die Polizeibehörde ein. Als im Jahre 1920 Groß-Berlin entstand, wurde Schmargendorf dem Bezirk Wilmersdorf zugeschlagen und das Rathaus wird seitdem als eines der Wilmersdorfer Standesämter und Standort einer städtischen Bibliothek genutzt.

Das Treppenhaus und vor allem der große Ratssaal, der heutige Trausaal, sind mit Rundbögen übersät. Viele Wappen an den Wänden zeugen außerdem von der Demonstration der Macht des Kaiserreiches. Bismarck und Moltke sowie die früheren Großgrundbesitzer des Ortes und die Büsten der Regenten Wilhelm I. und Friedrich III. zierten den Ratssaal.

Der Bürger sollte beeindruckt sein und ehrfürchtig seinen Regenten gegenübertreten. Etliche der Wappen sind nicht mehr vorhanden, die Weltkriege haben Spuren hinterlassen.

Im Trausaal

Motive aus der „Walküre“ von Richard Wagner zieren das Zimmer, in dem sich die Paare das Ja-Wort geben. Ob das die richtige Einstimmung für eine Ehe ist, mag bezweifelt werden. Auch wenn eine „erbauliche“ Szene dieses Dramas um Macht und Liebe über dem Kamin dargestellt ist. Die „Walküre“ handelt immerhin von Ehebruch, Inzest und einem daraus hervorgehenden Kind.

Aber welches verliebte Paar, zum Äußersten entschlossen, hat Augen für das Relief, das hinter dem Traubeamten zu sehen ist? Es bringt wohl niemanden zum Zweifeln. Unter den vielen Heiratswilligen finden sich immer wieder auch Prominente, die das Schmargendorfer Rathaus für die Hochzeitszeremonie gewählt haben. Jasager waren hier unter anderen Albert Einstein, Romy Schneider, Anita Kupsch, Gunter Gabriel, Ingrid Steeger, Eberhard Diepgen, Roland Kaiser, Harald Juhnke und Paul Kuhn.

Vom „Marggrevendorp“ zum Schmargendorf


Die erste urkundliche Erwähnung von „Marggrevendorp“ oder  „Marggraffendorpe“ (Markgrafendorf) findet sich im Jahre 1354.
Die eigentliche Gründung dürfte weit früher stattgefunden haben. Die askanischen Markgrafen warben bereits im 13. Jahrhundert Siedler aus Flandern, Westfalen, Thüringen und Schwaben an, um die Mark Brandenburg zu festigen. Der Name des Ortes deutet auf diesen Ursprung hin.

Landwirtschaft, Fischfang im ehemaligen Wilmersdorfer See – der heutige Volkspark - und Schafzucht waren die Haupterwerbsquellen der Bevölkerung. Aus Marggrevendorp wurde mit der Zeit Smarggrapendorff, Smarckendorff, Schmarchendorf und seit 1775 das heute noch gebräuchliche Schmargendorf.

Und wuchs, und wuchs…


Im 15. Jahrhundert gehörte Schmargendorf den Großbauernfamilien von Wilmersdorff und von Podewils. Erst zu Anfang des 19. Jahrhundert wurde es auch den Landpächtern erlaubt, den Grund und Boden zu erwerben, den sie bearbeiteten.

Seit 1899 war der nunmehr Schmargendorf genannte Ort ein selbständiger Amtsbezirk im Landkreis Teltow mit ungefähr 2000 Einwohnern. Ein rasantes Wachstum begann. Unter anderem weil die vielen Gartenlokale hier auf dem Weg in den Grunewald zu einem beliebten Ausflugsziel wurden und mit der Eröffnung des Ringbahnhofs Schmargendorf 1883 – dem heutigen Heidelberger Platz – dieser Ort einfach zu erreichen war. 1920, bei der Eingemeindung nach Groß-Berlin, hatte die Einwohnerzahl die 11 500 überschritten.

Heute, mit etwas mehr als 20 000 Einwohnern, kann man in Schmargendorf immer noch den ländlichen Charakter erkennen.

Zwischen der Dorfkirche und dem Roseneck findet „das Leben“ statt, in den Nebenstraßen wird in beschaulicher Ruhe „gewohnt“. Auf dem Weg zum Grunewald ist es lohnend, in Schmargendorf Station zu machen. Spazierengehen ist genauso wohltuend wie die Stärkung in einem der Gartenlokale. Auch Ja-Sagen im Rathaus Schmargendorf ist ein guter Grund für den Besuch.

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Das Rathaus Schmargendorf in der Berliner Architekturwelt, 5. Jg., Heft 1 (Oktober 1902), Farbtafelbeilage
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