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Der Kantor von der Aue: Musiker mit Leib und Seele

Jörg Strodthoff an der Orgel (Foto: Martin Doering)

von Katrin Müller de Gámez

Die evangelische Auen-Kirche in Wilmersdorf ist nicht nur ein markantes Wahrzeichen in der Nähe des U-Bahnhofes Blissestrasse, sondern für Musikliebhaber auch seit vielen Jahren ein ‚must-to-go’. Das neugotische Backsteingebäude mit seinen klaren Formen ist ein lebendiger Ort, der ein wunderbares Kleinod in seinen Mauern beherbergt: die zweitgrößte Orgel Berlins. Jörg Strodthoff, der Kantor von der Aue, hat hier seinen Lebensmittelpunkt. Im Gespräch mit ihm lässt sich vieles über dieses wunderbare Instrument und seine Passion für das Orgelspiel erfahren. 

Vom Vorraum der Kirche aus führt eine Treppe hinauf auf die Empore. Hier steht sie, groß, eindrucksvoll und unter Denkmalschutz. Ziemlich klein wirkt der Mensch vor diesem Instrument, das die Klänge eines ganzen Orchesters in sich birgt. Der Orgelbau vollzog sich in ständiger Konkurrenz zum Orchester. Je größer der Umfang der Orchester wurde, desto mehr Möglichkeiten wurden für die Orgel entwickelt.    

Familie Blisse stiftete erste Orgel


„Die erste Orgel in der Aue wurde 1898 von der Familie Blisse gestiftet. Sehr bald stellte sich aber heraus, dass sie mit nur zwei Manualen und 40 Registern zu klein für den Kirchenraum war.

So kam es 1922-24 zu einer Erweiterung auf drei Manuale und 62 Register. Bezahlt wurde diese Erweiterung von der Auengemeinde und das während des Inflationsjahres 1923!“, Jörg Strodthoff nimmt dies als Beleg für die Bedeutung, die dem Orgelausbau damals zukam. "Weitere Änderungen und Vergrößerungen gab es in den 50er und 60er Jahren, wobei allerdings auch manche alten Register, deren romantischer Klang dem damaligen Geschmack nicht mehr entsprach, entfernt wurden.

Mitte der 80er Jahre kam es zu einer Teilrestaurierung und Teilrekonstruktion der Register von 1898. 1991 und 2002 folgte erneut ein Ausbau.

Heute hat die Orgel 7.000 Vorwahlmöglichkeiten  bei den Klangfarben der einzelnen Register - von dunkel bis hell -, und der Lautstärke - von laut bis leise. Auf fünf Manuale könnte der Spieltisch noch erweitert werden, aber vier reichen für die Kirche vollkommen aus." Jörg Strodthoffs Stimme hat jetzt einen sehnsüchtigen Klang. "Es ist alles eine Frage der Finanzierung in bezug auf die Vollendung der letzten Ausbaustufe."

Ein ganzes Orchester in einem Instrument (Foto: J. Strodthoff)

Orgelunterhalt sprengt häufig das Budget

Eine Orgel benötigt ständi teure Pflege und Reparaturen. Nicht nur der Spieltisch mit den Manualen und Registern, auch die ungefähr 6 700 Pfeifen und das Gehäuse wollen umsorgt sein.

"Eine Orgel muß geliebt werden. Alle zwei Monate wische ich mit einem Lappen bestimmte Bereiche in diesem begehbaren Instrument. Verschmutzungen der Pfeifen, auch wenn eine Fliege hineingefallen ist, beseitige ich selber. Zum Glück haben wir seit fünf Jahren eine Fernbedienung.

Vorher war immer eine zweite Person notwendig, die am Spieltisch die Töne anschlug, damit ich die Verstimmung einer Pfeife orten konnte. Lagepläne gibt es bis heute nicht. Man muß das Instrument kennen. Ständig muß ich auch darauf achten, daß die Luftfeuchtigkeit im Instrument bei 55% gehalten wird, sonst geht der Klang der Orgel verloren. Wenn es im Sommer heiß ist oder wenn im Winter die Heizung läuft, muß ich täglich bis zu zehn Liter in die Wasserbehälter nachschütten. Als nach dem Ersten Weltkrieg Heizungen in viele Berliner Kirchen eingebaut wurden, ging eine große Anzahl Orgeln kaputt. Niemand hatte auf diesen Umstand geachtet.

Viermal im Jahr Orgel-TÜV


Viermal im Jahr kommt der Orgelbaumeister Dieter Noeske persönlich zum Check, alle 15 Jahre benötigt sie eine Generalreinigung. Dabei wird sie auseinandergenommen, gesäubert und Verschleißteile werden ersetzt."

Jörg Strodthoff  und die Orgel, das ist eine komplexe Beziehung. Vier bis sechs Stunden täglich wird dieses Instrument aus Luft, Metall und Holz genutzt. Sei es zum Üben, bei einem Gottesdienst, einer Rundfunk- oder CD-Aufnahme oder einem Konzert. "Spielen kann man fast alles auf einer Orgel. Aber nicht alles paßt zu ihr. Die Orgel, die Musik und der Raum müssen miteinander harmonieren. Ob Tango von Piazolla, Jazz, Gospel, Klassik, vieles ist möglich. So ein 'Meistersinger' von Wagner auf der Orgel, das hat schon was."

Organist seit 1989

Seit 1989 ist Jörg Strodthoff der Kantor und Organist der Auenkirche. Zu seinem Beruf kam er durch Zufall. "Sonst wäre ich jetzt bei der Oper."

Von klein auf mit Musik vertraut, landete er mit seiner Schule einen Glückstreffer. An seinem alten Gymnasium in Hannover steht eine Orgel, eine Musik-AG der Schule bot Gruppen- und Einzelunterricht.

Mit 14 Jahren besuchte er zusätzlich eine Musikschule. Mit knapp 18 Jahren legte er die C-Prüfung ab, das bedeutet 'nebenamtlicher Kirchenmusiker', und bekam auch gleich eine halbe Stelle als Organist in einer Hannoveraner Kirche.

"Mit 14 Jahren muß man sich spätestens für die Musik entschieden haben. Um ein Kirchenmusikstudium überhaupt aufnehmen zu können, ist die Beherrschung von Klavier und Orgel die Voraussetzung. Das heißt, daß schon jahrelang das Spielen dieser Instrumente zur täglichen Routine gehören muß."

Orgelspielen ist eine Mischung aus Kunst und Handwerk. Der Wille zu lebenslangem Üben und Lernen, verbunden mit einer strikten Disziplin, gehört zu diesem Beruf. Ein zehnsemestriges akademisches Kirchenmusikstudium mit den Fächern Orgel, Klavier, Komposition, Tonsatz, Harmonielehre, Singen, Gehörbildung, Chorleitung und theologische Information, "wir nannten das scherzhaft Kerzenkunde", sowie acht bis zehn Stunden täglicher Übungen an Klavier und Orgel, beendete Jörg Strodthoff mit dem A-Examen als "Berufskirchenmusiker in hervorgehobener künstlerischer, überregionaler Tätigkeit".

Bei deutschlandweit nur noch ungefähr 550 A-Stellen fügte es sich dann glücklich, daß der begeisterte Organist und Chorleiter an der Auenkirche seinen Arbeitsplatz gefunden hat.

...und Kantor


Der Beruf des Kantors, von lat. 'cantare' = singen, geht zurück auf Martin Luther und Johann Walter. Ursprünglich war der Kantor der Musiklehrer an den Gymnasien, den damaligen Knabenschulen.

Knabenchöre begleiteten zu Zeiten der Reformation den Gemeindegesang in den Gottesdiensten. Viele Kantoren waren bekannte Komponisten. Die berühmtesten Beispiele sind der Leipziger Thomaskantor Johann Sebastian Bach und Georg Philipp Telemann, Kantor am Johanneum und Musikdirektor der fünf Hauptkirchen Hamburgs.

Die Orgel war zu Anfang keine Gesangsbegleitung, sondern wurde als Soloinstrument gespielt. Der Kantor, so wie er heute existiert, entstand erst nach dem Ersten Weltkrieg.

Seit den 30er Jahren gibt es wieder Berufsmusiker in den Kirchen. In der Auenkirche wurde die A-Stelle des Vollzeitkirchenmusikers 1938 eingerichtet, nur unterbrochen im Zweiten Weltkrieg. Die hohe Zeit des Kantors in Berlin war die Zeit um 1972, als im Westteil der Stadt mit 86 A-Stellen die größte A-Dichte der Welt herrschte.

Konzerte und Organisation

Die Ausübung seines Berufes kann Jörg Strodthoff relativ frei gestalten. Dabei gehören allerdings die Abende sowie alle Sonn- und Feiertage zur Arbeitszeit. Neben der Organistentätigkeit, leitet er die Chöre der Aue, den Bläserkreis und gastierende Orchester.

In Anlehnung an das Kirchenjahr, gibt es drei musikalische Fixpunkte: die Passionszeit, das Weihnachtsfest mit dem Oratorium sowie in der Zeit vor dem Ewigkeitssonntag ein Chor- und Orchesterkonzert mit Werken von Brahms, Beethoven oder ähnlicher Musik. Daneben organisiert und spielt der Kantor der Aue noch ungefähr zehn Orgelkonzerte im Jahr.

Jeden Sonntagsgottesdienst begleitet er mit virtuosen Orgelwerken. Hier erklingt alles an alter und neuer Musik, vom Frühbarock bis hin zur Moderne, was mit der Orgel und dem Raum harmoniert. Schon oft entstanden aus diesen Konzerten Rundfunk- und CD-Aufnahmen. Ein Beispiel kann man hier hören.

Die musikalische Begleitung bei Gottesdiensten, Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen, sowie Gastspiele in anderen Kirchen, wie dem Berliner Dom oder auch der Sankt Nikolaikirche in Leipzig, sorgen dafür, daß Jörg Strodthoff seiner Liebe zur Orgelmusik zu jeder Zeit Gestalt geben kann. Dazu gehören auch eigene Kompositionen für Werke in kleinerer Besetzung. Und weil dies alles noch nicht reicht, findet jährlich im Herbst in der Auenkirche der „Berliner Orgelherbst“ statt. Ein Leben für die Musik.

Geringe Freizeit


Zum Glück findet er für seine Passion und die damit verbundene geringe Freizeit in der Familie viel Verständnis. Denn auch seine Frau Beate Gracher, eine studierte Opern- und Konzertsängerin, geht musikalische Wege. Sie hat ein privates Gesangsstudio, wo sie professionelle Sängerinnen und Sänger sowie Hobbysängerinnen und –sänger unterrichtet

Wer sich informieren möchte, kann hier die aktuellen Konzerttermine nachschauen.

Nützliche Informationen

Auenkirche Berlin-Wilmersdorf: Wilhelmsaue 119, 10715 Berlin, 030 40 50 45 34-0, kuesterei@auenkirche.de, Öffnungszeiten der Küsterei: Di, Do, Fr 9-12, Mo + Mi 15-18 Uhr

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