Am Montag starb Wolf Leder im Alter von 103 Jahren. Lange Jahre am Friedrichstadtpalast engagiert, machte er im Kalten Krieg täglich "rüber" in den Ostteil der geteilten Hauptstadt.
 |   Foto: WOLF LEDER fotografiert von Karsten Thormaehlen, Berlin, 2006
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Der 1906 in Berlin geborene Wolf Leder begann seine künstlerische Karriere 1927, in den 'Goldenen Zwanziger Jahren', und schuf Kostüme und Bühnenbilder für Revuen und Ballette, darunter auch das legendäre Große Schauspielhaus von Max Reinhardt. 1939 wurde Wolf Leder Chefbühnenbildner am Varieté- und Unterhaltungstheater Plaza. Er lebte nach dem Krieg bis zu seinem Tod in der riesigen Acht-Zimmer-Wohnung seiner Eltern in Halensee.
1946 schuf er seine erste abendfüllende Gesamtausstattung für den Friedrichstadtpalast, seit 1954 war er unser Ausstattungsleiter für Kostüme und Kulissen.
Diese ästhetisch prägende Position behielt er auch nach dem Mauerbau. Das war in der Zeit des Kalten Krieges etwas höchst Ungewöhnliches: Ein Westberliner, der in der DDR am Friedrichstadtpalast beschäftigt war - und dies über den Mauerfall hinaus auch blieb.
Bis zum Fall der Mauer war Wolf Leder insofern ein Grenzüberschreiter im wahrsten Sinne des Wortes. Im Kleinen überschritt er täglich die Grenze von Wilmersdorf nach Mitte, aber seine Liebe zum Theater war die Kraft, um auch die politischen, kulturellen und echten Mauern zu überwinden.
Den Kulturfunktionären der DDR war er suspekt, spätestens seit er ihrem Werben widerstanden hatte, in die DDR in eine Villa am Müggelsee zu ziehen. Deshalb erhielt er wahrscheinlich auch nie den 'Nationalpreis', für den ihn die Verantwortlichen des Friedrichstadtpalastes damals drei Mal vorschlugen. Parallel musste der Grenzgänger allerdings im Westen zusätzlich arbeiten, u.a. im Theater des Westens, weil er mit dem Ostgeld in Westberlin keine Rechnungen bezahlen konnte. Die Treue war gegenseitig: Bis 1989 war er am Friedrichstadtpalast tätig und behielt noch bis 1992 - da war er 86 Jahre alt - sein Büro. Für seine Leistungen wurde ihm dann aber doch, 2006 zu seinem 100. Geburtstag, der mit einer Matinee am Friedrichstadtpalast gefeiert wurde, das Bundesverdienstkreuz des wieder vereinigten Deutschlands verliehen.
In der Würdigung seines Lebens sind nicht nur die künstlerischen Leistungen zu nennen, auch als Persönlichkeit war er, der immer bescheiden blieb, beeindruckend. Er ließ sich von seinem Gewissen und seinen Gefühlen leiten. Ohne sich je politisch positioniert zu haben, half er in der Nazizeit jüdischen Menschen. Als Westberliner blieb er auch nach dem Mauerbau dem Friedrichstadtpalast treu (und dieser ihm) und wurde so zum Wanderer zwischen den Welten.
Praktischer Nebeneffekt: So manch schöner Kostümstoff und so manches schicke Material, was in der DDR nicht verfügbar war, konnte er im Westen 'organisieren' und im kleinen Grenzverkehr - so genau wollen wir das lieber nicht wissen - mit 'nach drüben' bringen.
Das Photo von Wolf Leder hat übrigens Karsten Thormaehlen gemacht. Es ist Teil des Buches Jahrhundertmensch - Fotografien von Karsten Thormaehlen, ISBN 978-3000250965, Textbeiträge von Barbara Hardinghaus (DER SPIEGEL) und Prof. Dr. Peter Gross (erschienen 2009 bei Moonblinx Publishing) erschienen und in einer Ausstellung zu sehen, die derzeit in Freiburg läuft.
„Jahrhundertmensch“ fotografiert von Karsten Thormaehlen. Meckel-Halle Sparkasse Freiburg, Kaiser-Joseph-Straße 186 -190 Freiburg, vom 17. September bis 9. Oktober 2009
Foto: WOLF LEDER fotografiert von Karsten Thormaehlen, Berlin, 2006
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